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[REZENSION] Steven Galloway: »Der Cellist von Sarajevo«


Steven Galloway
Der Cellist von Sarajevo

Originaltitel: The Cellist of Sarajevo
btb
1. Auflage, Juni 2010
Taschenbuch
Seiten: 240
ISBN: 978- 3-442-73892-2

»Sie faucht talabwärts, spaltet mühelos Luft und Himmel. Ihr Ziel, durch Zeit und Geschwindigkeit näher gebracht, breitet sich aus. Einen Moment vor dem Einschlag ist zum letzten Mal alles so wie zuvor. Dann explodiert die sichtbare Welt.«

Während der Belagerung von Sarajevo Anfang der neunziger Jahre muss ein Mann von seinem Fenster aus mit ansehen, wie eine Mörsergranate zweiundzwanzig Menschen tötet, die vor der Bäckerei Schlange stehen, weil es endlich wieder einmal Brot zu kaufen gibt.
Der Mann ist Cellist und er trifft eine ebenso mutige wie irrsinnige Entscheidung:
Jeden Tag um vier Uhr nachmittags zieht er seinen Frack an, setzt sich mit seinem Cello auf die Geröllhalden, die einmal Straße und Häuser waren, und spielt das Adagio in G-Moll von Tomaso Albinoni. Zweiundzwanzig Tage lang, zum Gedenken an die Toten.

Der Roman von Steven Galloway beruht auf einer wahren Begebenheit. Im Mai 1992 spielte der bekannte einheimische Cellist Vedran Smailovíc tatsächlich auf den belagerten Straßen von Sarajevo zweiundzwanzig Tage lang für die Opfer eines Mörsergranatenangriffs.

Der Roman selbst ist ansonsten jedoch eine fiktive Geschichte. Der Cellist, der im Buch namenlos bleibt, taucht nur im ersten Kapitel selbst auf, in dem der Angriff beschrieben wird. Danach werden abwechselnd die Schicksale drei verschiedener Menschen erzählt:

Da ist Strijela, die als Scharfschützin Jagd auf die belagernden Soldaten macht. Sie gehört zu den besten ihres Fachs und das spricht sich schnell herum. Als Gespräche über den Cellisten die Runde machen, bekommt sie den Auftrag, den Mann zu schützen. Kein feindlicher Heckenschütze soll die Gelegenheit bekommen, ihn zu töten, bis der Cellist sein letztes Adagio gespielt hat.

Kenan, der mit seiner Frau und seinen Kindern im belagerten Sarajevo lebt, begibt sich jede Woche auf den langen Fußmarsch zur Brauerei – dem einzigen Ort, an dem es noch Wasser gibt. Er könnte wie viele andere Väter seinen Sohn mitnehmen, um die Last zu teilen, doch Kenan will das nicht. Denn der Weg durch die Straßen der Stadt ist lebensgefährlich. Immerzu muss er Angst haben, von einem Heckenschützen ins Visier genommen oder von einer Granate getroffen zu werden.

Dragan lebt bei seiner Schwester und deren Familie, die er nicht ausstehen kann. Früher wohnte er mit seiner Frau und seinem Sohn in einer hübschen Wohnung – heute verläuft dort die Front. Seit vierzig Jahren arbeitet Dragan in derselben Bäckerei, geht immer denselben Weg zur Arbeit. Doch seit der Belagerung hat sich alles verändert. Der Weg ist gefährlich geworden und er muss mit ansehen, wie eine Bekannte beim Überqueren der Straße von einer Kugel getroffen wird. Und langsam beginnt er daran zu zweifeln, ob es das Sarajevo, an das er sich zu erinnern glaubt, überhaupt jemals gegeben hat.

Auf das Buch bin ich zum ersten Mal im Englischunterricht in der Berufsschule gestoßen. Ich fand den Inhalt interessant und die kurzen Ausschnitte klangen nicht schlecht. Danach geriet der Titel allerdings in Vergessenheit und erst vor Kurzem stieß ich wieder darauf. Aus Neugier bestellte ich das Taschenbuch und … nun ja, es ist … anders.

Den Prolog, in dem der Moment vor dem Granateneinschlag sowie der Hintergrund für die Entscheidung des Cellisten beschrieben werden, fand ich sofort toll. Der oben zitierte Absatz wiederholt sich in diesem Kapitel dreimal. Die ersten beiden Male beziehen sich auf vergangene Bombeneinschläge, die das Leben des Cellisten auf die eine oder andere Art prägten. Das letzte beschreibt dann den eigentlichen Angriff auf die Menschen in Sarajevo und ist damit im Präsens gehalten – ebenso wie der gesamte Rest der Geschichte. Das fand ich ziemlich gewöhnungsbedürftig, zumal mich der ziemlich simple Schreibstil nicht wirklich überzeugt. Das mag vielleicht an der Übersetzung liegen, zumindest meine ich mich daran zu erinnern, dass ich die englischen Ausschnitte damals ansprechender fand. Die deutschen Sätze klingen sehr einfach, was beim Lesen eine recht monotone Stimmung schafft. Oft braucht man schon viel Konzentration, um am Ball zu bleiben und nicht mitten im Text abzuschalten. Trotzdem liest sich das Buch mit seinen 235 Seiten sehr schnell weg.

»Der Cellist von Sarajevo« ist kein Roman, der von großartiger Spannung und Actionszenen lebt. Die meiste Zeit geht es um das Leben in einer belagerten Stadt, um die Veränderungen, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In den meisten Kapiteln gibt es wenig Handlung. Die Menschen stehen am Straßenrand und fragen sich, ob sie wohl unbeschadet die Straße überqueren können, oder ob vom nächsten Dach ein Heckenschütze bereits seine Waffe auf sie richtet. Man taucht in die Gedankenwelt der drei Protagonisten ein, lernt sie und ihr Leben kennen und ist Zeuge ihrer Entwicklung.

Am spannendsten fand ich dabei noch die Kapitel über Strijela, da ich zum Einen die Figur mochte und hier zum Anderen am meisten passiert. Kenan und Dragan konnte ich dagegen kaum auseinanderhalten. Die ganze Zeit befinden sie sich auf dem Weg zur Brauerei bzw. zur Bäckerei, der sich vom Anfang bis zum Ende des Buches zieht. Ein zusätzlicher Faktor, der mich verwirrte – denn während die beiden scheinbar nur einen Tag erleben, vergehen in Strijelas Kapiteln Wochen.

Eines haben die drei Figuren allerdings gemeinsam, und das ist ihre Entwicklung. Das Buch ist nach dem ersten Kapitel in drei Teile gegliedert:
Teil eins ist eine Einführung für jeden Charakter, eine Art erste Vorstellung, in der man die drei Figuren einzeln kennenlernt und ihre Intentionen erfährt.
In Teil zwei geht die Handlung weiter, man erfährt mehr über die Vergangenheiten und Hintergründe der Personen und Konflikte tun sich auf.
Teil drei erzählt davon, wie die Protagonisten jeweils aus diesen Situationen hervorgehen. Jeder von ihnen hat am Ende etwas Wichtiges erkannt und jeden von ihnen hat das Spiel des Cellisten berührt und geprägt.

Fazit

Alles in allem ist »Der Cellist von Sarajevo« wohl kein Buch für den Nachttisch. Ich hatte abends vor dem Schlafen große Probleme, mich noch auf das Erzählte zu konzentrieren. Auch wer auf spannungsgeladene, handlungsreiche Romane steht, sollte die Finger davon lassen.
Trotzdem ist das Buch das Lesen wert. Die Geschichte berührt und regt durch die eine oder andere philosophische Frage und kleine sprachliche Bilder an vielen Stellen zum Nachdenken an. Für Liebhaber solcher Geschichten lohnt es sich definitiv, einmal einen Blick hineinzuwerfen.

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