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[REZENSION] Florian Beckerhoff: »Frau Ella«


Florian Beckerhoff
Frau Ella

Ullstein
1. Auflage, 2010
Taschenbuch
Seiten: 315
ISBN: 978-3-548-28276-8

Frau Ella, rüstige 87, soll am Auge operiert werden. Völlig unnötig, findet sie, und dann auch noch unter Vollnarkose!
Zum Glück begegnet ihr in der Klinik der junge Sascha. Er entführt die alte Dame aus dem Krankenhaus und quartiert sie vorerst in seiner Wohnung ein. Nur für eine Nacht, so glauben beide.
Doch dann kommt alles anders.

Nachdem eine Kollegin das Buch vorgestellt und für gut befunden hatte, habe ich es mir mit der letzten Buchbestellung schließlich zugelegt.
Cover und Klappentext lassen eine unterhaltsame, kurzweilige Geschichte vermuten, wobei ich das Cover nur bedingt passend finde.

Der Inhalt hält, was das Äußere verspricht. Bereits die ersten Seiten sind sehr unterhaltsam, denn in Frau Ellas Krankenhauszimmer hat es einen Wasserrohrbruch gegeben, den außer ihr noch niemand bemerkt hat. Nicht genug, dass ihr ein Auge den Dienst versagt, nein, jetzt muss sie auch noch fürchten, im Krankenhaus zu ertrinken! Darauf hatte sie ihr Hausarzt nicht vorbereitet.
Da ihr eigenes Zimmer vorerst nicht mehr bewohnbar ist, wird sie vorübergehend in ein anderes Zimmer umquartiert. Dieses ist ausgerechnet das Zimmer von Sascha, der sich bei einem Sturz vom Fahrrad (unter gehörigem Alkoholeinfluss) den Bügel seiner Brille ins Auge rammte und nun auf seine Genesung wartet. Der junge Mann ist natürlich wenig begeistert von seiner neuen und noch dazu schnarchenden Zimmergenossin.
Doch als Frau Ella gegen ihren Willen die Einwilligung zu einer Operation unter Vollnarkose unterschreiben soll, hört er die Alarmglocken schrillen. Mit der Hilfe eines Pflegers entführt er die alte Dame kurzerhand aus der Klinik und bringt sie bei sich zu Hause unter – nur so lange, bis der Pfleger ihre Klamotten vorbeibringt, so glaubt Sascha. Doch der Pfleger lässt auf sich warten.
Als dann auch noch Saschas bester Freund Klaus Gefallen an der Adoptivoma findet, sind alle Vorsätze vergessen. Gemeinsam führen sie Frau Ella in die moderne Gesellschaft ein, unternehmen die verrücktesten Dinge und haben Spaß. Sogar der mürrische Sascha.
Bis dessen Exfreundin plötzlich wieder auftaucht. Lina, die ihn mit ihrem Verschwinden in ein so tiefes Loch stürzte und die er einfach nur vergessen wollte. Doch Saschas Freunde haben Pläne …

Das ganze Buch ist ein verrücktes Abenteuer, das man abwechselnd aus Sicht von Frau Ella und von Sascha erzählt bekommt. Zum Schmunzeln sind vor allem Frau Ellas Auseinandersetzungen mit der modernen Technik. Und mit Latte macchiato. Denn Frau Ella ist immerhin fast neunzig und kennt sich mit derlei Dingen überhaupt nicht aus. Doch sie ist lernwillig, schließlich möchte sie ihrem Gastgeber nicht mehr als nötig zur Last fallen. Bereitwillig und zeitweise sogar ziemlich begeistert macht die rüstige Dame alles mit, was die jungen Leute, besonders Klaus, so mit ihr vorhaben. Und das obwohl sie sich eigentlich doch nur eines wünscht: In ihre eigenen vier Wände zurückzukehren.
Sascha lernt man zunächst als griesgrämigen, meistens schlecht gelaunten Mann kennen, der mit seiner rotzigen Sprache einen ganz eigenen Humor mitbringt. Dennoch kümmert er sich rührend um Frau Ella, mit der ihn eigentlich überhaupt nichts verbindet, für die er sich aber trotzdem verantwortlich fühlt. Langsam findet er Gefallen am Zusammenleben mit ihr, am Lernen voneinander und an den Gesprächen, die die beiden führen, sodass er sie eigentlich doch nicht mehr so dringend loswerden möchte wie noch zuvor im Krankenhaus.

Es entsteht eine interessante, witzige, aber vor allem wunderbare Freundschaft zwischen zwei einsamen Seelen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Trotz allem Witz und Humor erzählt der Autor auf sensible, einfühlsame Weise eine Geschichte voller kleiner Abenteuer, Missverständnisse und Gefühl und regt in munteren Dialogen und ruhigen Gedankenspielen zum Nachdenken und Philosophieren an.

Für mich war das Buch eine gelungene Mischung aus Humor und Gefühl. Eine Geschichte, die ebenso unterhält wie berührt; mit deren Figuren man lachen und weinen möchte.
Ein Buch, das zu Herzen geht, dabei aber nicht schwer macht.

Übrigens kein Buch für Kaffeesüchtige auf Entzug – Kaffee wird in so ziemlich jedem Kapitel mindestens einmal erwähnt. 😉

4 Kommentare

  1. Das Buch hört sich super an. Schade, dass das Cover so verbockt wurde, das hätt ich ja niemals gekauft! Gut, dass es Blogger gibt, da haben auch dermaßen schlecht gestaltete Cover nichts mehr zu sagen.

    Kaffeesucht? Absolut!

    Liebe Grüße,
    Mila

  2. Ja, anfangs dachte ich noch, dass das Cover ganz passend ist. Aber nachdem ich das Buch gelesen habe, finde ich das überhaupt nicht mehr.
    Es wirkt zwar lustig, aber mehr auch nicht. Dabei hat das Buch noch so viel mehr zu bieten als bloß eine humorvolle Story.

    Ich selber bin ja kein Kaffeetrinker. Aber Kaffee wird da wirklich auffallend oft erwähnt! 😀

    Liebe Grüße,
    Mo

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