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[REZENSION] Marie-Sabine Roger: »Das Labyrinth der Wörter«


Marie-Sabine Roger
Das Labyrinth der Wörter

Originaltitel: La tête en friche
Hoffmann und Campe
1. Auflage, 2010
Hardcover
Seiten: 207
ISBN: 978-3-455-40254-2

»Wörter sind wie Schachteln, in die man seine Gedanken einsortiert. Wobei eigentlich nicht die Verpackung zählen sollte, sondern das, was man reinsteckt. Es gibt wunderschöne Päckchen, wo nichts als Dreck drin ist, und andere, die ungeschickt verschnürt sind, aber wahre Schätze enthalten.«

Germain, fünfundvierzig Jahre alt, ist das, was man als ‚liebenswerten Trottel‘ bezeichnet. Er hat weder einen Schulabschluss noch einen festen Beruf und als er zu Hause auszog, schaffte er es nur bis ans andere Ende des mütterlichen Grundstücks, wo er in seinem kleinen Wohnwagen lebt und im Garten Gemüse züchtet. Sein Leben ist vielleicht nicht das beste, aber es ist einfach.
Bis er eines Tages beim Taubenzählen im Park die feinsinnige Margueritte kennenlernt. Die kultivierte Sechsundachtzigjährige bringt Germain die Anerkennung entgegen, die er noch nie erfahren durfte, und begeistert ihn für die Welt der Bücher. – Für Germain, der nicht besser lesen kann als ein Drittklässler und der den Worten nicht traut, weil er sie oft nicht versteht, eine völlig neue Erfahrung.
Doch Margueritte bringt Germain nicht nur die Literatur nahe. Sie weckt auch seine Lust am Nachdenken: über das Leben, die Liebe und über sich selbst.

»Das Labyrinth der Wörter« ist ebenfalls ein Buch, das zu meiner Buchhändlerzeit von einer Kollegin empfohlen wurde. Ich hatte es schon vor einiger Zeit einmal gelesen und nun zum zweiten Mal aus dem Regal geholt. Dabei ist es wohl eins der wenigen Bücher, die auch beim zweiten Lesen so fesselnd und wunderschön sind wie beim ersten Aufschlagen.

Germain ist ein liebenswerter Hauptcharakter, den man sich mit seiner großen Statur und der einfachen, groben Sprache sehr gut vorstellen kann. Neben dem Schnitzen von kleinen Holzfiguren und seinem Gemüsegarten, interessiert er sich nur für die Tauben und schreibt regelmäßig seinen Namen auf das Gefallenendenkmal im Park.
Neben seiner Mutter, die ihn von Anfang an nur als Klotz am Bein betrachtete und nun langsam aber sicher senil wird, und seinem Lehrer, der ihn zu Schulzeiten regelmäßig vor der Klasse niedermachte, ist es vor allem Liebhaberin Annette, die sein Leben prägt, und seine Freunde aus der Kneipe, die ihn belächeln und regelmäßig mit seinem Unwissen aufziehen.
Germain sagt, was er denkt, mit den Worten, die er gelernt hat. Und da er seine Sprache vor allem auf Baustellen und in Kneipen erlernte, sind die Möglichkeiten begrenzt. Er sagt von sich selbst:

»Gleichzeitig habe ich deshalb Komplexe. Nicht unbedingt, weil von fünfzehn Wörtern, die ich sage, zwölf unanständig sind, sondern weil fünfzehn Wörter nicht immer genug sind, um alles zu sagen.«

Margueritte ist der Gegenpol zu Germain. Die zierliche Alte, die laut Germain »nicht das Erwachsenenformat für Parkbänke« hat, weil ihre Beine in der Luft baumeln, ist gebildet, belesen und besitzt sogar einen Doktortitel. Doch Margueritte belächelt Germain nicht, sondern regt ihn zum Nachdenken an und hinterfragt dabei immer wieder seine Antworten, sodass Germain sich von ihr ernstgenommen fühlt. Sie liest ihm aus Büchern vor und schenkt ihm ein Wörterbuch, das für Germain zunächst eine große Herausforderung darstellt. Doch Margueritte bringt ihm die Buchstaben und das Lesen bei und begeistert den ungebildeten Hünen mit ihrer unkomplizierten und herzlichen Art schnell für die Welt der Worte und der Literatur.
Doch bald wird klar, dass Margueritte nicht der unverwüstliche Fels in der Brandung ist, für den man sie hält, und plötzlich ist es an Germain, für sie da zu sein.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine einzigartige Freundschaft, über die Germain selbst sagt:

»Wenn ich beschreiben müsste, was da zwischen uns ist, würde ich sagen: gute Laune, von Anfang an.«

Diese gute Laune kommt auch beim Lesen rüber. Germain spricht den Leser als Ich-Erzähler häufig direkt an und kommt beim Erzählen von einem aufs andere, was den Leser immer wieder zum Schmunzeln bringt. So baut er immer wieder Anekdoten aus seiner Vergangenheit ein, die zumeist tief blicken lassen, aber Germain als Hauptfigur nur umso sympathischer machen.
Außerdem zitiert Germain Auszüge aus seinem Wörterbuch, wenn er schwierige Wörter verwendet, die er vorher nicht kannte. Trotzdem bleiben seine Sprache und seine Gedanken sehr einfach und bildhaft, was viele Textstellen im Buch umso bemerkenswerter macht. Denn meist sind es doch die einfachsten Worte, die komplizierte Dinge am besten beschreiben.
Die sehr kurzen Kapitel passen dazu ebenfalls wunderbar und sorgen dafür, dass man das mit 205 Seiten viel zu kurze Buch unglaublich schnell ausgelesen hat.

Marie-Sabine Roger ist es damit gelungen, auf wirklich zauberhafte Art eine Geschichte zu erzählen, die trotz der immer ein wenig mitschwingenden Wehmut auch eine Menge Lebensfreude und Lebensmut vermittelt. Eine Geschichte, die zum Nachdenken und Philosophieren einlädt und in der es wie so oft im Leben ums Zuhören und um Wertschätzung geht – und um die Macht der Worte.

Fazit

»Das Labyrinth der Wörter« ist ein Roman, der mich auch beim zweiten Lesen wieder genauso faszinieren konnte wie beim ersten Mal. Ein wirklich wunderschönes Päckchen voller Lebensfreude, das nicht nur leere Worte, sondern einen echten Schatz enthält. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher.

7 Kommentare

  1. Das Buch hatte ich schon ein paar Mal in der Hand und habs irgendwie immer wieder zurückgelegt. Deine Rezi zeigt mir, dass ich das beim nächsten Mal anders machen und es mich nach Hause begleiten sollte. Dank dir dafür. Vlg Steffi

  2. Pingback: Rezension: »Die Küche ist zum Tanzen da« (Marie-Sabine Roger) – Das Bücherei

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