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[REZENSION] Delphine de Vigan: »No & ich«


Delphine de Vigan
No & ich

Originaltitel: No et moi
Droemer Knaur
1. Auflage, 2010
Taschenbuch
Seiten: 272
ISBN: 978-3-426-50158-9

»Mitten in der Stadt gibt es diese unsichtbare Stadt. Diese Frau, die jede Nacht mit ihrem Schlafsack und ihren Taschen an derselben Stelle schläft. Auf dem Bürgersteig. Die Männer unter den Brücken und in den Bahnhöfen, die Leute, die sich auf Pappkartons legen oder auf einer Bank zusammenrollen. Eines Tages fängt man an, sie zu sehen. Auf der Straße, in der Metro. Nicht nur die, die betteln. Sondern die, die sich verstecken. Man bemerkt ihren Gang, ihre unförmige Jacke, ihren löchrigen Pullover. Eines Tages beginnt man sich für eine Gestalt, einen Menschen zu interessieren, stellt ihm Fragen, sucht nach Gründen und Erklärungen. Und dann zählt man. Die anderen. Zu Tausenden. Wie Symptome unserer kranken Welt. Die Dinge sind, wie sie sind. Aber ich glaube, man muss die Augen weit offen halten. Als ersten Schritt.«

Lou ist dreizehn, hochbegabt und Einzelgängerin. Am liebsten beobachtet sie die Menschen und stellt dabei allerhand Theorien auf, um zu verstehen, was tagtäglich um sie herum geschieht.
Bis sie auf No trifft.
No, die mit ihren achtzehn Jahren auf den Pariser Straßen lebt. No mit den schmutzigen Klamotten und dem müden Gesicht. No, deren Einsamkeit Lous Welt in Frage stellt.
Für Lou ist klar: Sie muss No wiedersehen. Sie muss ihr helfen, es zumindest versuchen. Um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

Auch diesen Roman hatte ich vor längerer Zeit schon einmal gelesen und jetzt wieder aus dem Regal geholt. Und obwohl ich schon wusste, wie der Roman endet, hat die Geschichte nichts von ihren Emotionen und der ergreifenden Atmosphäre eingebüßt, im Gegenteil.

Lou ist dreizehn und geht bereits in die zehnte Klasse. Sie ist hochbegabt, hat einen IQ von 160 und am liebsten führt sie außergewöhnliche Experimente durch, stellt Testreihen auf und hält die Ergebnisse fein säuberlich in ihrem Notizbuch fest.
Doch wenn es darum geht, sich zu sozialisieren, versagt sie kläglich. Lou redet nicht gern, weil ihr die Worte entwischen, in der Klasse wird sie von den älteren Mitschülern belächelt und fühlt sich »außerhalb«. Nur Lucas, der eigentlich das komplette Gegenteil von ihr ist und für den Lou heimlich schwärmt, hält zu ihr.
Als Lou dann auch noch ein Referat vor der Klasse halten soll, ist ihr Pech perfekt. So glaubt sie.

Doch damit beginnt eine Geschichte, die so schnell nicht mehr loslässt – weder Lou selbst noch den Leser.
Am Bahnhof, wo sie am liebsten die ankommenden und abfahrenden Menschen beobachtet, trifft Lou auf die obdachlose No. Spontan beschließt Lou, No zum Thema ihres Referats zu machen. Denn Lou kann nicht einfach hinnehmen, dass die »Dinge sind, wie sie sind«. Sie kann nicht einfach weitergehen und die Augen verschließen.

Lou beschreibt als Ich-Erzählerin ihre Treffen mit No, bei denen sie die Obdachlose interviewt. Dabei taucht man ein in Lous wirre Gedankenwelt, was sich anfangs auch ziemlich verwirrend liest. Denn so, wie Lou oft ohne Punkt und Pausen denkt, so ist der Roman auch geschrieben. Sehr lange Sätze mit vielen Kommas sorgen dafür, dass man dazu neigt, manche Stellen einfach zu überfliegen. Das stört allerdings nicht weiter, da man so ein Gefühl dafür bekommt, wie es in Lous Kopf tagtäglich aussieht.
Dabei erfährt man zum Beispiel auch, dass No nicht die Einzige ist, die Hilfe braucht. Auch Lous eigenes Leben ist nicht so makellos, wie man meinen könnte, denn ihre Mutter hat sich längst in ihre eigene Welt zurückgezogen und nimmt schon lange nicht mehr am Leben teil und ihr Vater ist Meister darin, die Realität zu verdrängen und die Familienillusion aufrecht zu erhalten.

Das Ende des Romans lässt schließlich mehr offene Fragen zurück, als es beantwortet. Viele Dinge werden nicht näher angesprochen und bewusst im Dunkeln gelassen, sodass sich der Leser selbst Gedanken machen muss. Damit ist garantiert, dass das Buch so schnell nicht wieder loslässt. Mir stellte sich am Ende vor allem die Frage: Wer hat hier nun wen gerettet?

Fazit

»No & ich« erzählt eine Geschichte, die noch lange nachhallt und den Leser zum Nachdenken anhält. Über die Welt, das Leben und darüber, was sich ändern lässt.

2 Kommentare

  1. Anonym sagt

    Luise:
    Auch ich habe dieses Buch…angefangen und nicht weiter gelesen und nun frage ich mich, warum eigentlich?

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