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[REZENSION] Harold Cobert: »Ein Winter mit Baudelaire«


Harold Cobert
Ein Winter mit Baudelaire



Originaltitel: Un hiver avec Baudelaire
Piper
1. Auflage, 2010
EPUB
Seiten: 228
ISBN: 978-3-492-95121-0

Inhalt
Es wird Herbst in Paris, als Philippe den Boden unter den Füßen verliert. Zuerst wird er von seiner Frau vor die Tür gesetzt und darf seine Tochter nicht mehr sehen, dann verliert er seinen Job und landet schließlich auf der Straße. Ohne Arbeit keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit – ein Teufelskreis.
Das Leben als Obdachloser droht ihm auch den letzten Rest seiner Würde zu nehmen und ihn vollends in den Abgrund zu reißen. – Bis er Baudelaire kennenlernt. Der treue Freund mit dem Hundeblick und den Knickohren führt Philippe Schritt für Schritt zurück ins Leben und gibt ihm die Lust am Leben zurück.
Und plötzlich scheint ein Wiedersehen mit seiner Tochter gar nicht mehr so fern …
Meine Meinung
Mal wieder ein Buch, das mir von meiner ehemaligen Kollegin aus der Buchhandlung empfohlen wurde. Anfangs war ich ja skeptisch. Das Cover erinnerte mich stark an »Das Labyrinth der Wörter«, das zu meinen absoluten Lieblingsbüchern zählt und ich glaubte nicht, dass dieses Buch da mithalten könnte. Aber da der Klappentext interessant klang und das Cover ja auch irgendwie süß aussieht, kaufte ich mir das E-Book dann doch. Und was soll ich sagen – das Buch hat mich sehr positiv überrascht.

Die Geschichte beginnt mit einem Streit zwischen Philippe und seiner Frau – die Ehe ist schon lange kaputt, verbunden sind die beiden nur noch durch die gemeinsame Tochter Clare, die Philippe über alles liebt. Jeden Abend sitzt er an ihrem Bett und erzählt ihr das Märchen vom Sternenprinzen und der Prinzessin der Morgenröte. Das Märchen allein ist schon so wunderschön erzählt, dass Philippe mich sofort für sich gewonnen hatte.
Doch seine Frau – ihren Eltern war Philippe als Ehemann sowieso nie gut genug – setzt ihn vor die Tür und so bleibt ihm zunächst nicht mehr als sein Auto und ein Koffer voll Klamotten. Seiner Tochter verspricht er, sie jeden Abend anzurufen, um ihr auch weiterhin ihre Lieblingsgeschichte zu erzählen. Doch je länger Philippe auf der Straße lebt, desto schwerer fällt es ihm, dieses Versprechen zu halten.

Erzählt wird die Geschichte im Präsens, was anfangs vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig ist. Außerdem wechseln sich einfache, nüchtern erzählte Passagen, die sich leicht und flüssig lesen lassen, mit komplizierteren, verschnörkelten Beschreibungen ab, die trotz aller Traurigkeit wunderschöne Bilder malen. Da sich der Großteil des Romans auf der Straße unter Obdachlosen abspielt, tauchen auch immer wieder derbe Ausdrücke und Dialoge auf, sodass man beim Lesen besser kein Problem mit »Gossensprache« haben sollte.
Die meist sehr kurzen Kapitel sind schnell gelesen und jeweils mit einer passenden Überschrift versehen, die neugierig macht. So fiel es mir sehr schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen und am Ende hatte ich es auf einer einzigen Zugfahrt ausgelesen. Selbst die zahlreichen Tippfehler (fehlende oder überflüssige Leerzeichen) in der E-Book-Ausgabe konnten da nichts dran ändern.

Die Geschichte hat mich trotz des relativ nüchternen Schreibstils sehr berührt. Man erlebt Philippes Fall, der scheinbar gar nicht mehr enden will, und ist doch nur hilfloser Zuschauer. Man erlebt, wie sich Philippe auf der Straße durchschlägt, von den Mitmenschen bestenfalls ignoriert und von den anderen Obdachlosen davongejagt. Man erlebt, wie er wider besseres Wissen anfängt zu trinken und auf dem besten Wege ist, sich selbst zu verlieren.
Erst, als Philippe auf den Straßenhund Baudelaire trifft, erscheint ein kleiner Silberstreif am Horizont. Er eröffnet Philippe nicht nur neue Übernachtungsmöglichkeiten, sondern ebnet ihm auch den Weg für neue Freundschaften, wie etwa mit dem Imbissbetreiber Bébère und dessen Frau Fatima, die Philippe nicht nur hin und wieder mit einer warmen Mahlzeit wieder auf die Beine helfen.
Die Geschichte ist so unglaublich süß und gleichzeitig so traurig, dass sie einen gar nicht kalt lassen kann. Besonders das Ende, das viel zu plötzlich kommt und deshalb umso tragischer ist.
Fazit
Ein sehr bewegender Roman voller Schmerz, Hoffnung und Hundefreundschaft, der zeigt, dass es auch nach dem tiefsten Fall wieder aufwärts gehen kann – wenn man nur daran glaubt.

4 Kommentare

  1. eBook gekauft, wobei ich in der Mitte deiner Rezension aufgehört hab, zu lesen und zum Fazit gesprungen bin. Weil ich ja den Inhalt selber lesen möchte… 🙂

    • Oh schön, das ist wirklich ein tolles Buch. Recht ruhig und es passiert nicht sooo viel, aber ich konnte es trotzdem nicht zur Seite legen. 🙂

  2. Ich hab das Buch auch an einem Stück an einem ruhigen Nachmittag auf der Terrasse verschlungen. Und ich hatte mehrmals einen Kloß im Hals. Sehr berührend, aber auch sehr traurig.

    • Ja, ich musste während der Zugfahrt auch mehrmals schlucken beim Lesen, um den Kloß wieder loszuwerden. Ich lasse mich von Geschichten ja gern gefangen nehmen, und das hat das Buch auf jeden Fall geschafft.

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