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[REZENSION] Laurie Halse Anderson: »Wintermädchen«


Laurie Halse Anderson
Wintermädchen

Originaltitel: Wintergirls
Ravensburger
1. Auflage, August 2010
EPUB
Seiten: 317
ISBN: 978-3-473-38402-0

Inhalt

Sie starb im Gateway Motel, und ich bin schuld. Nicht die Modezeitschriften oder das Internet oder die fiesen Lästermädchen im Umkleideraum oder die hormongeschädigten Jungs auf dem Pausenhof. Nicht die Trainer oder Studienberater oder Lehrer oder die Erfinder von Kleidergröße 0 und 00. Nicht mal ihre Eltern.

Sie hat dreiunddreißigmal angerufen.
Ich bin nicht rangegangen.

In der Silvesternacht leisten die beiden Freundinnen Lia und Cassie einen heiligen Schwur: Sie wollen alles dafür tun, die dünnsten Mädchen der Schule zu sein. Nun ist Cassie tot und für Lia bricht eine Welt zusammen. Die Stimmen in ihrem Kopf werden immer lauter. Sie befehlen ihr zu hungern und Lia gehorcht – in ihrem einsamen Kampf gegen sich selbst, ihre Eltern und ihre tote Freundin, die in der Welt der Wintermädchen auf sie wartet.
Meine Meinung

Cover der E-Book-Ausgabe

»Wintermädchen« ist ein Buch, das mir ganz zufällig auffiel, als ich im Onlineshop nach E-Books suchte. Der Titel klang interessant und das Cover fand ich sehr hübsch, weshalb ich unbedingt den Klappentext lesen musste, der mich schließlich überzeugte.
Dabei fällt auf, dass im E-Book das hübsche Covermotiv weggelassen wurde. Stattdessen bekommt man eine weiße Seite mit dem Titelschriftzug. Schade.

Die Geschichte wird von Lia erzählt. Die Siebzehnjährige gibt sich die Schuld am Tod ihrer ehemals besten Freundin Cassie, die einsam und allein im Zimmer eines Motels starb.
Dreiunddreißig Anrufe waren es. Dreiunddreißig Versuche, ihre ehemalige Freundin Lia zu erreichen. Aber Lia ist nicht ans Telefon gegangen.
Jetzt, nach Cassies Tod, kämpft Lia mit sich und der Welt. Sie führt Krieg gegen Kalorien, Lebensmittel und Nährwerte – fünfhundert Kalorien am Tag sind das Maximum, wenn Lia dem Essen irgendwie aus dem Weg gehen kann. Ansonsten verbringt sie die Nacht mit Sport. Und meist gelingt es ihr sehr gut, ihrem Vater und Stiefmutter Jennifer eine heile Welt vorzuspielen. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, die als Ärztin nicht so leicht zu täuschen ist und deshalb immer wieder mit Lia aneinandergerät, bis das Mädchen bei ihr auszieht. Denn nach bereits zwei Klinikaufenthalten steht für Lia eines fest: lieber will sie sich ins Jenseits hungern, als jemals wieder ein Krankenhaus zu betreten.
Doch Cassies Geist verfolgt Lia nicht nur bis in ihre Träume, sondern auch am Tag. Und nichts wäre ihr lieber, als Lia zu sich zu holen.

Den Anfang des Romans empfand ich zunächst  als merkwürdig. Man wird sofort von Lia in die Geschichte hineingeworfen, hört von Cassies Tod und warum Lia sich die Schuld daran gibt. Über Lia, ihre Krankheit, ihre Familie, ihre Verbindung zu Cassie und alles, was in der Vergangenheit geschehen ist, erfährt man erst nach und nach mehr, sodass man anfangs hier und da auf Aussagen stößt, die man noch nicht einordnen kann. Allerdings hatte ich mich trotz allem schnell in die Geschichte eingefunden und nach und nach lösen sich auch alle Fragen auf.

Der Text selbst ist recht interessant gestaltet. Oft werden Sätze einfach durchgestrichen und korrigiert oder auch kursiv hervorgehoben. Immer wieder beginnt Lia ihre Gedankengänge mit »Als ich noch ein richtiges Mädchen war …«, wenn es um die Zeit vor ihrer Essstörung geht.

Lias Gedanken sind dabei oft sehr bildhaft und verschnörkelt beschrieben und oft schweift sie in längere Beschreibungen ab. Sie bildet sich Dinge ein oder stellt sie sich vor, wie etwa Cassies Geist oder zum Leben erwachende Gegenstände. Damit ist das Buch durchweg sehr metaphorisch geschrieben, was Geschmackssache ist, mir persönlich aber sehr gut gefällt.

Lia als Charakter konnte ich lange Zeit überhaupt keine Sympathie entgegenbringen. Zwar ist sie die Ich-Erzählerin und Hauptfigur des Buches, doch die meiste Zeit über wollte ich sie nur nehmen und schütteln und sagen, dass sie aufhören soll. Einerseits weiß sie um ihre Essstörung, andererseits scheint das Hungern für sie erstrebenswert zu sein und obwohl sie die Folgen an ihrem Körper spürt, kann sie nicht damit aufhören. Wenn sie vor dem Spiegel steht, kann sie ihre Knochen sehen und trotzdem findet sie nich noch zu dick und hasst ihren Körper, sodass sie sich immer wieder selbst verletzt.

Passend zu Titel und Buchcover – die einerseits mädchenhaft und verträumt, andererseits kalt und trostlos wirken – vermittelt Lias Erzählung eine sehr kühle, schonungslose Atmosphäre und dennoch fällt es schwer, sich beim Lesen davon zu distanzieren. Oft habe ich mich dabei erwischt, wie ich den E-Reader umklammerte oder Gänsehaut bekam.
Dabei lebt das Buch nicht unbedingt von Handlung, denn so viel passiert eigentlich nicht. Im Vordergrund stehen Lias körperlicher und seelischer Verfall und ihre Sicht auf die Situation. Daraus entwickelt sich eine ganz eigene Spannung, denn auch, wenn man sich nicht mit Lia identifizieren kann, fiebert man doch automatisch mit, ob sie ihrem Teufelskreis entkommen wird oder nicht.

Ein besonderes Highlight war immer wieder das Auftauchen der neunjährigen Stiefschwester Emma. Sie ist so zuckersüß und ihre einfache, kindliche Sicht der Dinge macht Lias Geschichte nur umso bedrückender. Doch die beiden Mädchen haben auch ein ziemlich enges Verhältnis zueinander. Lia liebt Emma und für Emma ist die große Stiefschwester ein Vorbild, was Lia für mich ein wenig sympathischer machte.

Am Ende nimmt die Handlung dann noch einmal an Fahrt auf und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, bevor ich nicht die letzte Seite umgeblättert hatte. Und auch, wenn das letzte Wort nicht einfach alles wieder gut macht, gibt es doch einen Hoffnungsschimmer am Horizont.
Fazit
Ein bedrückender Roman, der den Leser nachdenklich zurücklässt. »Wintermädchen« ist kein Buch zum Wohlfühlen – aber definitiv das Lesen wert.

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