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[REZENSION] Brian Selznick: »Die Entdeckung des Hugo Cabret«


Brian Selznick
Die Entdeckung des Hugo Cabret

Originaltitel: The invention of Hugo Cabret
cbj
1. Auflage, 2008
Hardcover
Seiten: 544
ISBN: 978-3-5701-3300-1

Inhalt

»Er hatte immer wieder an die Nachricht gedacht, die der Stift eines Tages schreiben würde. Und je öfter er an dem mechanischen Mann arbeitete, desto stärker glaubte er an etwas, wovon er genau wusste, dass es völlig verrückt war. Hugo war davon überzeugt, dass die Nachricht alle Fragen beantworten und ihm erklären würde, was er tun sollte, nachdem er jetzt allein war. Die Nachricht würde sein Leben retten.«

Seit sein Vater auf mysteriöse Weise verstarb, lebt der zwölfjährige Hugo Cabret bei seinem Onkel hinter den Mauern des Pariser Bahnhofs. Gemeinsam kümmern sie sich um die unzähligen Uhren des alten Gebäudes, bis der Onkel eines Tages spurlos verschwindet. Aus Angst, dass er entdeckt und in ein Heim gebracht werden könnte, übernimmt Hugo die Arbeit allein, wartet gewissenhaft die Uhren und stapelt die ungeöffneten Gehaltschecks des Onkels – ungesehen von den zahllosen Reisenden, die täglich im Bahnhof ein und aus gehen.
Doch das ist nicht das einzige Geheimnis, das Hugo hütet. Hinter den alten Mauern versteckt er einen ganz besonderen Schatz: einen mechanischen Mann, der schon den Vater faszinierte. An seinem Pult sitzend und mit dem Stift in der Hand wartet er darauf, seine Nachricht aufzuschreiben und sein Geheimnis zu enthüllen. Hugo ist sicher: Es ist die letzte Nachricht seines verstorbenen Vaters.
Doch der Automat ist alt und rostig. Um ihn zu reparieren, bestiehlt Hugo den griesgrämigen Spielzeugverkäufer. Als er eines Tages dabei erwischt wird, ist das der Beginn eines spannenden Abenteuers, das Hugo noch viel mehr Geheimnisse offenbart, von denen er nie zu träumen gewagt hätte.

Meine Meinung
Als ich zufällig eine Vorstellung des Buches im Fernsehen sah, wanderte es sofort auf meine Wunschliste. Als ich dann auch noch die Werbung für den Kinofilm entdeckte, war mir klar: Ich muss dieses Buch sofort haben!
Und das war gar nicht so einfach, denn ich wollte unbedingt die Hardcover-Ausgabe, die leider schon vergriffen ist. Schließlich fand ich dann aber doch noch ein bezahlbares antiquarisches Exemplar. Das hat zwar hier und da ein paar äußerliche Macken, aber das tut dem Lesespaß zum Glück keinen Abbruch.

Das Buch entführt den Leser im wahrsten Sinne des Wortes in die Welt des Films, und zwar in die Zeit, als die Bilder gerade erst das Laufen lernten. Dabei ist die Geschichte selber wie ein alter Schwarz-Weiß-Film aufgemacht:
Alles beginnt mit einer kurzen Einführung, wie eine Art Vorspann, in dem der Erzähler kurz die Geschichte zusammenfasst und so einen Vorgeschmack gibt auf das, was er gleich erzählen wird. Danach beginnt die eigentliche Geschichte – und zwar mit Bildern. Angefangen mit kleinen Detailzeichnungen auf schwarzem Hintergrund, werden die Bilder immer größer und entführen den Leser so in die Welt von Hugo Cabret, der sich allein hinter den Mauern des Pariser Bahnhofs versteckt hält und sich als Dieb durchschlägt, um nicht entdeckt zu werden.

Danach wird die Geschichte abwechselnd durch Bilder und Text erzählt, was das Buch zu etwas ganz Besonderem macht. Denn die Zeichnungen haben mich sofort fasziniert und vermitteln eine ganz eigene Atmosphäre, die mir teilweise wirklich Gänsehaut bereitet hat. Dabei sind die Bilder immer doppelseitige Bleistiftzeichnungen, mal große Gesamtaufnahmen mit unzähligen Kleinigkeiten, die es zu entdecken gilt, mal Nahaufnahmen, die beispielsweise nur ein Gesicht oder ein Auge zeigen. Der durchgehend schwarze Hintergrund gibt dem Leser zudem das Gefühl, in einem dunklen Kinosaal zu sitzen.

Doch nicht nur die Bilder wissen zu begeistern. Auch der geschriebene Teil hat mich von Anfang an bezaubert. Der Schreibstil ist einfach, aber ansprechend und die Geschichte bleibt über die mehr als 500 Seiten spannend. Ist ein Geheimnis gelüftet, ergeben sich sofort neue, die es zu lüften gilt, sodass ich das Buch fast am Stück durchgelesen hatte.

Die Geschichte selbst gliedert sich in zwei Teile. Der erste beschäftigt sich vor allem mit dem Leben und der Vergangenheit Hugos und dem Geheimnis des mechanischen Mannes, den Hugo zu reparieren versucht. Für mich überraschend: Mit der Auflösung des Geheimnisses um den kleinen Automaten ist die Geschichte nicht zu Ende! Stattdessen schließt sich der zweite Teil an, der noch weitere Geheimnisse offenbart und die Hintergründe aufdeckt, die zur Erfindung des mechanischen Mannes führten.

Der zwölfjährige Hugo war mir von Anfang an sympathisch. Er lebt allein, seit sein Onkel verschwand und um sein Geheimnis zu wahren, tut er alles. Vor allem darf er bei seinem täglichen Rundgang keine der unzähligen Bahnhofsuhren vergessen. Denn würde eine von ihnen stehen bleiben, wäre dem fiesen Bahnhofsvorsteher sofort klar, dass der Uhrenwärter seine Arbeit nicht mehr macht und dann würde man Hugo mit Sicherheit entdecken. Statt zur Schule zu gehen, reinigt Hugo deshalb jeden Tag alle Uhren, zieht sie auf und repariert sie, wenn es nötig wird. Außerdem holt er heimlich die Gehaltschecks seines Onkels aus dem Büro des Bahnhofsvorstehers, auch wenn er keine Ahnung hat, wie er sie einlösen soll. Deshalb hält er sich mit dem Stehlen von Croissants und Milch über Wasser und was man sonst noch so in einem Bahnhof findet.

Lange bleibt sein Treiben unbemerkt, bis er eines Tages von Papa Georges erwischt wird, dem alten Besitzer des Spielzeugstandes. Zu allem Übel nimmt er Hugo ausgerechnet das Notizbuch weg, in dem sein Vater alle Erkenntnisse über den mechanischen Mann niedergeschrieben hat. Der alte Mann im Spielzeugladen lässt Hugo für sich arbeiten, um das Buch zurückzubekommen. Er ist gemein, düster und ziemlich unsympathisch, doch das soll sich noch ändern. Denn Papa Georges spielt eine viel größere Rolle, als es zunächst den Eindruck macht. Denn warum passen gerade die Teile seiner Spielzeuge in den mechanischen Mann? Und warum lässt sich der kleine Automat ausgerechnet mit dem Schlüssel aufziehen, die seine Enkelin Isabelle um den Hals trägt?

So entwickelt sich eine bezaubernde Geschichte voller kleiner Wunder und Magie, die den Leser in die Anfangszeit des Kinos entführt und in der Feinde nicht nur zu Freunden, sondern zu einer Familie werden.
Fazit
Ein ganz besonderes Buch – fesselnd wie ein Kinofilm.

6 Kommentare

  1. Genau zu dem Buch habe ich auch gerade eine Rezi verfasst und stimme mit dir überein: das Buch ist wirklich so fesselnd wie ein Film 🙂

  2. Hallo und schön, dass du auf meinen Blog gefunden hast! 🙂

    Das Buch ist wirklich was Besonderes. Ich hab mir gerade deine Rezi zu Buch und Film durchgelesen. Den Film wollen wir uns demnächst auch noch anschauen, ich bin mal gespannt. Scheint ja doch etwas anders zu sein als das Buch.

  3. Danke für die tolle Rezension! Die Zeichnungen im Buch sehen wirklich klasse aus und machen mich sehr neugierig 🙂
    Eine Frage habe ich aber noch: Besteht das Buch wirklich über lange Passagen nur aus den Bildern oder wie muss ich mir das vorstellen? Hatte nämlich schonmal gehört, dass man das Buch locker in 2 Stunden "lesen" kann und das hat mich bei 500 Seiten dann doch verwundert… Bin auf jeden Fall sehr gespannt auf das Buch! LG

  4. Die Zeichnungen sind wirklich beeindruckend. Ich schlage das Buch auch jetzt noch gerne auf und sehe mir nur die Bilder an.

    Das Buch besteht manchmal wirklich einige Seiten lang nur aus Bildern. Die sind auch noch immer doppelseitig gedruckt, also hast du mit einem Bild gleich zwei Seiten "gelesen". 😉
    Ich habe mehr als zwei Stunden gebraucht, aber das kommt natürlich darauf an, wie schnell du liest. Auf vielen Textseiten steht auch nicht viel bzw. ist der Text relativ groß gedruckt. Ich weiß aber nicht, wie die Taschenbuchausgabe da aussieht.
    Aber insgesamt ist das Buch sehr schnell gelesen, ja. Leider, möchte ich sagen – ich hätte noch stundenlang weiterlesen und schauen können. 🙂

  5. Danke, jetzt kann ich mir das Buch schon ein bisschen besser vorstellen! Zwei Stunden fand ich auch wirklich kurz bei 500 Seiten, aber wenn man doch ein bisschen mehr zu lesen hat, bin ich erleichtert 🙂

  6. Wenn man die Bilder nur auf einen Blick anschaut und dann umblättert und wenn man etwas schneller liest als ich, dann kommt das mit den zwei Stunden vielleicht hin, wer weiß.
    Ich lasse mich aber gern von Büchern gefangen nehmen und tauche in die Welten ein, die der Autor schafft. Da habe ich es gerne ein bisschen gemütlicher mit dem Lesetempo. 🙂
    Und gerade dieses Buch mit seinen Bildern wirkt erst richtig, wenn man ihm auch eine Chance dazu gibt, finde ich.

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