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Rezension: Und in mir der unbesiegbare Sommer (Ruta Sepetys)

Ruta Sepetys
Und in mir der unbesiegbare Sommer
Originaltitel: Between Shades of Gray
Carlsen
1. Auflage, 2011
EPUB
Seiten: 304
ISBN: 978-3-646-92063-7

Dieses Buch fiel mir durch die Rezension auf einem anderen Blog auf und der Klappentext sprach mich sofort an, sodass das Buch bei der nächstbesten Bestellung als E-Book in meinen Einkaufskorb wanderte. Aber es war nicht nur der Klappentext, der mich überzeugt hat, sondern auch das schlichte Cover, das wunderbar zum Buch passt, und der schöne Titel, der genau meinen Geschmack trifft.

Dementsprechend ging ich mit relativ hohen Erwartungen an das Buch. Am Ende war es doch etwas anders, als ich erwartet hatte, aber in dem Fall ist das nichts Negatives. Im Gegenteil.

»Ich war im Nachthemd, als man mich holte.
Im Rückblick sehe ich die Vorzeichen – Familienfotos brannten im Kamin, Mutter nähte nachts Silber und Schmuck in das Futter ihres Mantels ein, Vater kehrte nicht von der Arbeit zurück. Jonas, mein kleiner Bruder, stellte Fragen. Das tat ich auch, aber ich schien die Wahrheit zu verdrängen. Ich begriff erst im Nachhinein, dass Mutter und Vater mit uns hatten fliehen wollen. Doch wir schafften es nicht. Sie holten uns.«

Karten am Anfang des Buches

Die ganze Welt kennt die Verbrechen Hitlers und der Nationalsozialisten im Dritten Reich. Aber kaum einer spricht darüber, wie Stalin während seiner Schreckensherrschaft über zwanzig Millionen Menschen in den Tod schickte und unzählige weitere für ihr Leben zeichnete. Ruta Sepetys erzählt die Geschichte einer Familie, die 1941 zusammen mit vielen anderen aus ihrer litauischen Heimat verschleppt und nach Sibirien deportiert wird, weil man ihnen eine »antisowjetische« Haltung unterstellt. Die Figuren der Geschichte sind frei erfunden, die Geschichte selbst ist in ihren vielen kleinen Details allerdings erschreckend wahr.

Die fünfzehnjährige Lina ist ein normales Mädchen wie alle anderen auch: sie liebt das Zeichnen und Malen, sie schwärmt zum ersten Mal unglücklich für einen Jungen und sie schreibt Briefe an ihre Cousine und beste Freundin Joana. So auch an dem Abend, als die Männer vom NKWD an die Tür hämmern und sie, ihre Mutter und ihren zehnjährigen Bruder Jonas holen kommen. Lina muss packen. Sofort.

In Viehwagons tritt die Familie die lange Reise nach Sibirien an und Lina ahnt bereits, dass sie ihr Elternhaus und ihre Heimat Litauen so schnell nicht wiedersehen wird. Ebenso wie ihren Vater, der von seiner Arbeit in der Universität nicht zurückgekehrt war. Lina begegnet auf ihrer Reise unvorstellbarer Grausamkeit, Gewalt, Leid und auch dem Tod. Doch sie lernt auch Andrius kennen, der in ihrem Alter ist und dasselbe Schicksal teilt, sie findet Liebe, Zusammenhalt und neue Freundschaften, die selbst das größte Grauen überdauern. Das alles hält Lina in ihren Zeichnungen fest, die sie in ihrem Koffer verstecken muss, und in Briefen, die sie niemals abschicken darf. Würden ihre Aufzeichnungen in die falschen Hände geraten, wäre ihr Leben in Gefahr, denn über das Schicksal ihres Volkes soll selbst nach dem Ende des Martyriums der Mantel des Schweigens gebreitet werden. Doch Lina wehrt sich. – Sie kämpft nicht nur für das Überleben ihrer Familie, sondern auch gegen das Vergessen.

Ruta Sepetys lässt Lina auf relativ einfache, aber sehr gefühlvolle Weise ihre Geschichte erzählen. Die Sprache passt dabei sehr gut zu der fünfzehnjährigen Erzählerin und auch die Stimmung wird eindrucksvoll wiedergegeben.
Linas Erzählungen über die Deportation und das Leben in den sibirischen Arbeitslagern wechseln sich ab mit Erinnerungen an früher, an bessere Zeiten, aber auch an die ersten Vorzeichen des Schreckens, die Lina erst jetzt zu begreifen beginnt. Nach und nach erfährt der Leser so die Vorgeschichte der Familie und die Hintergründe, die zu ihrer Deportation führten.

Die Handlung plätschert verhältnismäßig ruhig dahin. Man erlebt die einzelnen Tage aus Linas Sicht, vom Tag der Abholung über den Transport in Viehwagons bishin zur Zwangsarbeit und dem Überlebenskampf im sibirischen Winter. Dabei zeigt das Buch das Grauen und den Schrecken, welche die Überlebenden durchleiden mussten, auf immer neue Weise.

Die einzelnen Charaktere sind liebevoll beschrieben und trotz der eigentlich unvorstellbaren Geschichte fällt es leicht, sich in Lina hineinzuversetzen und mit ihr zu leiden, zu hoffen und zu lieben. Vor allem Linas kleiner Bruder Jonas ist mir beim Lesen schnell ans Herz gewachsen, aber auch Lina selbst, die für ihre Familie stark sein muss und gleichzeitig so viele Gedanken und Fragen in sich trägt.

Über das Ende kann man sich streiten. Ich war ziemlich überrascht, als es kam, denn danach waren noch ein paar Seiten übrig. Diese sind aber »nur« ein Nachwort der Autorin (das aber ebenso lesenswert ist!). Das Ende selbst ist ziemlich offen und mündet in einen Epilog, der einige Jahre vorausgreift. Man erfährt nur bedingt, wie die Geschichte für Lina ausging. Von den übrigen Inhaftierten, die man im Laufe des Buches kennengelernt hat, erfährt man dagegen gar nichts mehr, was ich etwas schade fand.

Ich hatte ein wenig den Eindruck, die Autorin hätte die Geschichte nicht zu Ende denken wollen und mal eben einen Schlussstrich darunter gezogen, denn mich hätte schon sehr interessiert, wie Lina aus der Gefangenschaft entkommt, wie sie Andrius wiederfindet und was mit ihrem Vater wirklich passiert ist. Und so schnell, wie ich das Buch ausgelesen hatte, hätte es dafür auch gerne noch hundert Seiten mehr haben können.

Vermutlich soll das Ende aber dazu motivieren, selber nachzuforschen, die Lücken im eigenen Geschichtswissen zu füllen und sich selbst ein Bild zu machen. Und das hat die Autorin auf jeden Fall erreicht.

Fazit

Ein Buch, das so leise daherkommt wie der sibirische Schnee, während es von viel Leid, Gewalt und Schrecken erzählt, aber von mindestens genauso viel Liebe und Wärme.

Mehr zum Buch:

Hier noch ein sehr sehenswertes, weil interessantes und berührendes Video über die Autorin und die Entstehungsgeschichte des Buches:

12 Kommentare

  1. Dieses Buch möchte ich auch auf jeden Fall noch lesen, denn das Thema ist ja nun absolut wichtig und die Umsetzung scheint wirklich toll gelungen zu sein. Eine sehr schöne Rezension, ich freu mich darauf, mir das Werk zuzulegen 😉

    • Das Buch ist auf jeden Fall sehr lesenswert! Auch wenn man es viiiel zu schnell ausgelesen hat. 😉

  2. Ich will dieses Buch auch lesen, v.a. jetzt weil es ein Buch ist, dass nicht immer um die Juden geht und ich freue mich drauf…. aber es wird noch warten müssen… tolle Rezi
    Liebe Grüße
    Christine

    • Eben deshalb fand ich es auch mal sehr interessant. Obwohl die Geschichte natürlich recht ähnlich ist.
      Das Buch sollte man auf jeden Fall lesen! 🙂

  3. Wow, selbst in dem Video merkt man, dass die Autorin ganz viel Herzblut reingesteckt hat! Respekt, das Buch wandert sofort auf meine Wunschliste!

    • Das Buch ist auch wirklich empfehlenswert. Ebenso wie das Video. Ich finde, das sollte jeder gesehen haben, der das Buch liest. 🙂

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