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[REZENSION] Mathias Malzieu: »Die Mechanik des Herzens«


Mathias Malzieu
Die Mechanik des Herzens

carl’s books
1. Auflage, Juni 2012
EPUB
Seiten: 193
ISBN: 978-3-641-05665-0

Inhalt

Erstens: Rühr deine Zeiger nicht an! Zweitens: Zügle deinen Zorn! Drittens: Verschenke niemals dein Herz – an niemanden! Denn sonst wird der Stundenzeiger deiner Uhr sich dir durch die Haut bohren, deine Knochen werden bersten, und die Mechanik deines Herzens wird für immer stillstehen.

Dies ist die Warnung, die der kleine Jack von seiner Ziehmutter mit auf den Weg bekommt. Denn sein Herz wird nur von einer alten Kuckucksuhr am Leben erhalten. Doch allen Warnungen zum Trotz verliebt sich Jack unsterblich in die kleine Sängerin auf der Straße, bis sie plötzlich verschwindet. Als ein schreckliches Ereignis Jack zum Verlassen seiner Heimat zwingt, macht er sich auf den Weg, seine kleine Sängerin zu finden. Und mit ihr die Liebe.
Meine Meinung
Als ich zum ersten Mal etwas von »Die Mechanik des Herzens« hörte, war ich sofort hin und weg. Der Titel allein hätte schon gereicht, aber auch Cover und Klappentext waren so toll, dass ich das Buch unbedingt haben musste. Und so wanderte es als Urlaubslektüre direkt auf meinen E-Reader.

Das Buch ist etwas ganz Besonderes und sicher nichts für Leser, die auf realistische Geschichten hoffen. Denn die Erzählung beginnt schon märchenhaft:
Es ist der 16. April 1874, als eine unnatürliche Kälte Edinburgh fest im Griff hat. Der Tag, an dem der kleine Jack im Haus der alten Hebamme Madeleine das Licht der Welt erblicken soll. Doch etwas stimmt nicht – sein Herz ist gefroren.
Kurzerhand setzt ihm Doktor Madeleine eine Kuckucksuhr in die Brust, die seinem Herzen beim Schlagen helfen soll. Von nun an muss Jacks Uhrwerk jeden Morgen aufgezogen werden und was viel wichtiger ist: Jack darf sich nicht verlieben, denn sonst könnte sein Uhrwerk verrücktspielen.

Schon nach den ersten Zeilen war ich bereits begeistert von dem Buch. Der Autor entführt sofort in eine eisige Winteratmosphäre, die einen den Atem anhalten lässt. Mit seiner poetischen Sprache malt er wunderbare Bilder, die den Leser nicht nur in die Geschichte eintauchen, sondern auch sehen und erleben lassen, sodass man das Buch am liebsten nicht mehr aus der Hand legen möchte. Ich glaube, ich habe noch kein anderes Buch gelesen, bei dem mich der Schreibstil so gefangen genommen hat.

Aber bildhaft ist hier nicht nur die Sprache – auch die Geschichte selbst ist eine Metapher. Auf das Leben und auf die Liebe.
Wie schwer es ist und welche Überwindung es manchmal kostet, einem anderen sein Herz zu schenken, weiß vermutlich jeder. Umso schwerer ist es für Jack, der in dem Glauben aufgezogen wurde, dass die Liebe schlimme Folgen für sein empfindliches Uhrwerk haben könnte. Doch im Buch werden auch viele andere Themen angesprochen, die sich geschickt hinter den Bildern verstecken. So zum Beispiel auch die Mutterliebe und die kleinen Lügen, die manchmal erfunden werden, um einen geliebten Menschen vor Unheil zu bewahren.

»Es ist dein Herz aus Fleisch und Blut, das repariert werden muss. Aber dafür brauchst du weder einen Arzt noch einen Uhrmacher. Das Einzige, was hilft, ist Zeit – viel Zeit. Und Liebe.«

Die Charaktere im Buch sind sehr liebenswert beschrieben und auf ihre Weise einzigartig. Dabei hing ich gar nicht mal so sehr an »Little Jack«, den man von Geburt an auf seinem Weg begleitet und der so viel durchmachen muss. Von Anfang an muss er erfahren, was es heißt, anders zu sein und aus diesem Grund abgewiesen und ausgestoßen zu werden. Denn er ist das einzige Kind in Madeleines Kinderheim, für das sich einfach keine neuen Eltern finden wollen. Doch das stört den kleinen Jungen nicht weiter, schließlich hat er in Madeleines Haus nicht nur eine fürsorgliche Ziehmutter gefunden, sondern auch eine neue Familie, die aus den beiden Prostituierten und Stammpatientinnen Anna und Luna, dem alten Arthur und einem Hamster besteht, den Jack auf den Namen »Cunnilingus« tauft.
Viel mehr als Jack mochte ich Madeleine, die alte Hebamme, die in ihrem Haus auf dem Berg lebt und als Hexe verschrien ist, weil sie Menschen repariert. Das tut sie im wahrsten Sinne des Wortes: so versorgt sie nicht nur den kleinen Jack mit einem neuen Herzen, sondern auch die etwas naiv wirkende Prostituierte Anna mit einem bunten Glasauge oder den alten Arthur mit einer neuen Wirbelsäule aus Metall. Sie liebt den kleinen Jack wie einen eigenen Sohn und versucht, ihn vor allen Gefahren des Lebens zu beschützen – vor allem vor der Liebe.

Ein bisschen verwirrt war ich teilweise von Jacks Alter. Im Laufe des Buches wird er älter, in meinem Kopf blieb er allerdings immer der elfjährige Junge, als der er Madeleines Haus verlassen muss. Das lag vor allem daran, dass sich der Erzählstil nicht verändert. Jack erzählt die ganze Zeit in seiner teilweise etwas naiv-kindlichen Art, die dem Leser ans Herz geht, aber eben nicht den Eindruck eines Jugendlichen oder Erwachsenen macht.

Am Ende habe ich mir gewünscht, das Buch würde noch lange weitergehen. Zum Einen, weil die Geschichte nicht einmal 200 Seiten fasst und damit ziemlich kurz ist. Zum Anderen, weil das Ende sehr tragisch ist und ich mir – für Jack und für mich selbst – etwas anderes gewünscht hätte. Dem Lesevergnügen (und selten habe ich das so wörtlich gemeint) tat das aber keinen Abbruch. Das Buch ist ein rundum fantastisches Märchen, das noch lange nach dem Lesen im Kopf bleibt. Und wie man liest, ist eine Verfilmung bereits geplant – ich bin gespannt.
Fazit
Ein zauberhaftes Märchen für Erwachsene mit vielen Wahrheiten über das Leben und die Liebe.

2 Kommentare

  1. Das klingt nach einem schönen Märchen, aber auch traurig. Erst dachte ich, es sei ein Kinder-/Jugendbuch (Cover). Für solche "modernen" Märchen bin ich jedenfalls auch zu begeistern.

    • Nein, ein Kinder-/Jugendbuch ist es ganz sicher nicht. Andernfalls würde ich gerne Mäuschen spielen, wie die Eltern ihren fragenden Kindern erklären, was zum Beispiel "Cunnilingus" bedeutet. 😉
      Es ist aber ein sehr, sehr schönes Märchen für Erwachsene. Lohnt sich wirklich zu lesen. 🙂

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