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Kommentare 5

[REZENSION] Kai Hermann: »Engel und Joe«


Kai Hermann
Engel und Joe

Ullstein
1. Auflage, August 2011
EPUB
Seiten: 238
ISBN: 978-3-8437-0148-8

Inhalt
Die fünfzehnjährige Joe hält es zu Hause nicht mehr aus und irrt ziellos durch Berlin. Als sie auf der Straße von Skinheads bedroht wird, tritt Engel dazwischen. Es ist Liebe auf den ersten Blick zwischen Joe und dem Siebzehnjährigen, der zu einer Punker-Clique auf dem Alex gehört. Doch kaum haben die beiden zueinander gefunden und sich geschworen, nie wieder auseinander zu gehen, ist ihre junge Liebe in Gefahr. Denn Joe ist schwanger und das Kind will man dem minderjährigen Mädchen und ihrem schon öfter bei der Polizei auffällig gewordenen Freund nicht lassen. Doch ist Engel wirklich stark genug, um für seine kleine Familie den Absprung zu schaffen?
Meine Meinung
Ein Buch, das schon sehr lange auf meiner Wunschliste stand und das nun endlich als E-Book auf meinen Reader wandern durfte. Es basiert auf den Recherchen des Autors für die Reportage-Serie »Eine Liebe in Berlin«. Und so turbulent, wie es im Buch zugeht, waren auch meine Gedanken dazu. Denn so richtig weiß ich immer noch nicht, was ich von dem Buch halten soll.

Als erstes fällt schon nach wenigen Sätzen der etwas gewöhnungsbedürftige Schreibstil auf. Kurze, abgehackte Sätze reihen sich aneinander und empfangen den Leser direkt mit Ausdrücken, die man eher der Gossensprache zuordnen dürfte. Was natürlich sehr gut zur Szenerie der Geschichte passt, lässt die Charaktere aber auch sehr schnell etwas minderbemittelt wirken, da sie kaum einen Satz zustande bringen, in dem nicht »ey«, »Scheiße« oder »ficken« vorkommt. Auf Dauer war ich davon dann doch leicht genervt und fühlte mich den Figuren nicht unbedingt zugetan.
Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, ist der Schreibstil aber leicht zu lesen und die relativ kurzen Abschnitte lesen sich recht schnell weg, sodass ich das Buch innerhalb einer achtstündigen Zugfahrt durchgelesen hatte.

Als Leser erlebt man, wie Joe wegen des neuen Lebensgefährten ihrer Mutter von zu Hause abhaut, wie sie auf der Straße landet und wie sie bei Engel – der auf der Straße eigentlich von allen Zorro genannt wird – Unterschlupf findet. Zwischen den beiden ist es Liebe auf den ersten Blick und es ist schon ziemlich naiv, wie die beiden sich sofort die ewige Treue schwören. Aber das Leben auf der Straße ist nicht so einfach zwischen Drogen, Alkohol und winterlicher Kälte – vor allem, als die gerademal fünfzehnjährige Joe auch noch schwanger wird. Für die jungen Eltern ist klar, dass sie das Kind auf jeden Fall behalten wollen. Kein leichtes Unterfangen mit einem Vater wie Engel, der mit seinem eigenen Leben nicht klarkommt, ständig vor der Polizei davonläuft und immer wieder im Drogensumpf zu versinken droht.

So erleben Joe und der Leser ein ständiges Auf und Ab. Man leidet mit Engel, der sich alle Mühe gibt, aber immer wieder alles versaut. Man hofft mit Joe, die auf Engel vertraut und ihm immer wieder nachläuft, sich dadurch selbst immer weiter in den Abgrund treibt. Man erlebt auch immer wieder die Geschichten der anderen aus der Gruppe am Alexanderplatz mit, mag die einen mehr, die anderen weniger.

Alles in allem fiel es mir aber stellenweise sehr schwer, mit Engel und Joe mitzufühlen. Eher wollte ich nur immer wieder den Kopf schütteln, wenn die beiden sich im Kreis drehen und vor allem Engel immer wieder dieselben Fehler macht und jedesmal wieder abstürzt.
Auch gestört hat mich in dem Buch das Thema Sex. Nicht das Thema an sich, sondern dass es einfach stets und ständig erwähnt wird. Zeitweise kam es mir vor, als hätten die Jugendlichen auf der Straße keine anderen Probleme als das.

Das Ende kommt schließlich sehr plötzlich. Ich hatte ein wenig das Gefühl, der Autor hätte das Buch ganz schnell abschließen wollen. Auf einmal ist alles gut, ein Happy End, eine Überblendung – aber wie es dazu kam, wird nicht erzählt. So ganz ohne Erklärung erschien mir der Ausgang der Geschichte doch eher unrealistisch.
Fazit
Eine Geschichte über das Leben zwischen Liebe, Drogen und Alkohol und eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die mich leider unterwegs verloren hat.

5 Kommentare

  1. Also ich habe den Film gesehen und muss sagen, das ich den damals super fand 🙂 So toll das ich mir die VHS geholt habe lach*

    Aber ich glaube gelesen hät ich es nicht. Dafür klingt mir es doch bisl zu.. biographisch 😀

    • Als Film könnte ich mir das auch besser vorstellen, glaub ich. Da verliert sich die Sprache vielleicht auch ein bisschen. Im Buch ging mir das ganze "ey" und "Spinner, Engel" irgendwann tierisch auf die Nerven. Wäre das Buch länger, würde einem davon vermutlich irgendwann das Hirn weich. 😀

  2. Hallo Moena.
    Vermutbar geht es Kai Hermann um reine Authenzität, die er direkt zu Blatt bringt. Mehr der Journalist, der er ist, als ein Erzähler.
    Der Film 'Engel Und Joe' ist wohl deshalb bereits zugänglicher als das Buch, weil Akteure wie Regie mit dem spröden Material arbeiten. Ihm Puls geben.

    Amüsantes Bild von der Achterbahn, die Dich unterwegs verloren hat. Gelungen!
    Ich mußte grinsen…

    bonté

    • Die Handlung an sich ist ja auch authentisch und für mich auch nachvollziehbar, wenn man das Alter der Protagonistin bedenkt. Aber die Sprache … anfangs fand ich auch die realistisch, aber mit der Zeit war es einfach ein bisschen nervig und immer wieder dieselben Floskeln. Am Ende konnte ich das Wort "Spinner" nicht mehr hören.

      Dass dich die Achterbahn zum Grinsen gebracht hat, freut mich aber dann doch. 😉

  3. Anonym sagt

    Hey
    wollte drauf hinweisen das es sich bei dem Ende nur um einen Traum handelt. Das Ende ist eig das sie von Engel abhaut. Letzter Satz:" Dann muss die allein fahre."

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