Allgemein, drei Eier, Rezensionen
Kommentare 9

[REZENSION] Holly Goldberg Sloan: »Sam und Emily – Kleine Geschichte vom Glück des Zufalls«


Holly Goldberg Sloan
Sam und Emily
Kleine Geschichte vom Glück des Zufalls

Originaltitel: I’ll be there
Arena
1. Auflage, 2012
Hardcover
Seiten: 428
ISBN: 978-3-401-06518-2

»Sam und Emily« fiel mir in der Buchhandlung vor allem durch das Cover auf. Auch der Titel sprach mich sofort an und der Klappentext bewegte mich schließlich dazu, das Buch zu kaufen. Nach vielen positiven Rezensionen hatte ich recht hohe Erwartungen an das Buch. Leider konnte mich die »kleine Geschichte vom Glück des Zufalls« nicht so sehr begeistern wie ich mir erhofft hatte.

Dabei ist die Geschichte eigentlich ganz nett:
Die siebzehnjährige Emily wächst ziemlich behütet auf. Sie hat ein intaktes Elternhaus, einen lieben jüngeren Bruder, mit dem sie sich gut versteht, gute Freunde und ihre augenblicklich größte Sorge im Leben ist das Solo, das sie am Sonntag im Kirchenchor singen soll.
Sams Leben ist so ziemlich das Gegenteil davon. Als Kind von seinem Vater entführt, lebt er nun mit ihm und seinem  etwas autistischen Bruder Riddle in einem LKW auf den Straßen der USA, ab und zu auch illegal in einem leerstehenden Haus, aber immer bereit zur Flucht, wenn die Raubzüge seines Vaters mal wieder aufzufliegen drohen. Nur durch Zufall landet er an einem Sonntagnachmittag genau in der Kirche, in der Emily mit dem Kirchenchor auf der Bühne steht. Als sie mehr schlecht als recht ihr Solo zum Besten gibt, scheint es Sam, als singe das fremde Mädchen nur für ihn: I’ll be there. Schnell ist den beiden Teenagern klar, dass sie für einander bestimmt sind. Und in Emilys Familie scheinen Sam und sein Bruder endlich zu finden, was sie nie hatten – ein Zuhause.

Doch dieser eine Zufall soll nicht der einzige bleiben – denn wie der Titel schon verrät, ist die ganze Geschichte gespickt mit kleineren und größeren Zufällen des Lebens, die abwechselnd über Glück und Unglück entscheiden. Kleine Begebenheiten, Entscheidungen, Begegnungen, die dazu führen, dass Sam und Emily getrennt werden, dass Sam und Riddle sich durch die Wildnis schlagen müssen und dass am Ende doch irgendwie alles gut wird.

Wie gesagt, die Geschichte ist nett, die Handlung ergibt einen gelungenen Spannungsbogen und man möchte natürlich wissen, wie es weitergeht und welche Zufälle den beiden noch widerfahren werden. Aber genau diese Zufälle waren einer der Gründe, warum mich das Buch am Ende nicht begeistern konnte – denn es waren für meinen Geschmack einfach zu viele. Auch die Art, wie diese Zufälle im Buch beschrieben werden, gefiel mir nicht besonders, denn häufig enden Kapitel einfach mit Sätzen nach dem Schema »Und dann passierte dies und jenes und das änderte alles«.
Zudem sind manche Situationen eher unrealistisch. Dass Sam und Riddle beispielsweise als Nichtschwimmer und Sam auch noch mit gebrochenen Rippen einen reißenden Fluss überleben, finde ich schon sehr unglaubwürdig. Dass man dann auch noch das Klischee des Wasserfalls bedienen muss – nun ja. Aber auch hier wird die Szene ziemlich plump beendet:

Seite 310:
»Sekunden später entlarvte sich die trügerische Autostraße als ein Wasserfall und beide Jungen samt dem Kajak stürzten ihn hinunter.«

Überhaupt hatte ich bei diesem Buch ein großes Problem mit dem Schreibstil. Zwar ist er leicht und flüssig zu lesen, sodass man sich nicht über die 428 Seiten quält, aber trotzdem hätte ich das Buch schon auf den ersten Seiten am liebsten wieder zur Seite gelegt. Denn die Geschichte beginnt damit, dass die wichtigsten Charaktere erst einmal auf sehr plumpe Art und Weise vorgestellt werden. Ganz nach dem Motto »Die Figur sieht so und so aus, hat die und die Charaktereigenschaften, mag dies und jenes, tut das und das aus dem und dem Grund und in ihrer Vergangenheit war das und das passiert« ziehen sich diese Beschreibungen über die ersten Seiten und handeln nacheinander Sam, Emily und Sams Vater Clarence ab. Man langweilt sich dabei zwar nicht, aber ich habe es einfach lieber, wenn mir der Autor weniger erzählt und mehr zeigt, aber das Zeigen kommt in diesem Buch eher kurz.
Allgemein empfand ich den Schreibstil für eine solche Geschichte meist als zu emotionslos und einfach wenig ansprechend.

Insgesamt ging mir die Geschichte nicht besonders nahe, vor allem, weil Emily als eine der Hauptfiguren für mich kaum greifbar war. Dass sie laut Klappentext »die Geschichten anderer Menschen sammelt«, wäre eine sehr interessante Eigenschaft gewesen, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Leider kommt das im Buch nur ein einziges Mal zur Sprache. Auf mich wirkte Emily deshalb sehr blass und ich konnte ihre Handlungen auch nicht immer nachvollziehen, besonders in der Zeit, in der Sam verschwunden ist.
Sam war mir da sympathischer, aber weniger in Verbindung mit Emily als viel mehr im Umgang mit seinem kleinen Bruder Riddle. Für ihn würde Sam so ziemlich alles tun und Riddle ist einfach ein sehr süßer Charakter, der mir von allen beim Lesen am meisten Spaß gebracht hat. Seine kleinen Angewohnheiten und seine kindlichen Lösungen, um in der Wildnis zurecht zu kommen, machen ihn zu einer sehr sympathischen Figur, ohne die das Buch in meiner Wertung sicher weniger gut weggekommen wäre. Für ihn habe ich am Ende mehr mitgefiebert als für Sam und Emily und sein Happy End habe ich ihm von Herzen gegönnt.

Das Ende des Romans erinnert an ein märchenhaftes »Und wenn sie nicht gestorben sind …«, das alle möglichen Figuren, denen Sam und Riddle auf ihrer Odyssee begegnet sind, noch einmal zurückbringt, sodass man erfährt, wie die Geschichte für sie ausgeht. Und auch, wenn die aneinandergereihten Szenen auch hier wieder etwas plump wirken, fand ich das Ende doch ganz nett, da man die ganzen Nebenfiguren während der Geschichte recht ausführlich vorgestellt bekommt und das Ende abschließend noch die eine oder andere Gelegenheit zum Schmunzeln bietet.
Fazit
Eine nette Geschichte über die kleinen und großen Zufälle des Lebens, von denen unser Glück abhängt. Leider gehören Schreibstil und Figuren nicht nur zufällig zu den Dingen, die mein Lesevergnügen maßgeblich beeinflussen, sodass es für »Sam und Emily« am Ende nur zu drei Eiern reicht.

9 Kommentare

  1. Das Cover ist an sich sehr schön und hätte mich zum kauf vielleicht ermuntert, aber ich glaube, im Moment hätte ich keinen Nerv für Klischeehafte Bücher…
    Nur damit ich das jetzt richtig verstanden habe, dieses Buch gehört nicht zu einer Reihe, oder?

    LG Marie 🙂

    • Richtig, das Buch ist ein Einzeltitel. Mich hat übrigens mehr der Schreibstil gestört. Hätte der mich besser überzeugt, hätte ich den Rest vielleicht auch nicht so kritisch gesehen. Immerhin habe ich vorher nur positive Rezensionen zu dem Buch gelesen. :/

  2. Ich habe bis jetzt eigentlich auch nur positive Rezensionen zu dem Buch gelesen und dank dem wunderschönen Cover ist das Buch auch gleich auf der Wunschliste gelandet. Deine Beschreibung des Schreibstils hört sich jetzt aber wirklich nicht so toll an… Naja, ich werde das Buch trotzdem mal lesen, ich bin einfach zu neugierig wie die Geschichte abläuft 😀

    Liebe Grüße,
    Filo

    • Mir ging es genauso – das Cover sieht ja auch wirklich gut aus und die Geschichte an sich ist auch gar nicht schlecht. Allerdings lege ich bei Büchern immer sehr viel Wert auf den Schreibstil und der sagte mir hier weniger zu.
      Vielleicht kannst du ja in eine Leseprobe reinblättern, bevor du das Buch kaufst – dann siehst du ja, ob dich der Schreibstil anspricht oder nicht. 😉

  3. Hallo Moena.
    Mit ach so vielen Worten nur wenig erzählen zu können ist ein nicht unbeträchtliches Manko. Figuren in der Art eines Steckbriefs einzuführen bringt dem Ei auch keine Farbe. Und dann noch eine Schreibe ohne Emotionen. So mag sich ein Kochbuch verfaßen laßen, oder der Eintrag zum Zündkerzenwechsel beim Corsa – aber einen Roman?!
    Ei #3 blickt wohl zurecht in Fragezeichen…

    bonté

    • Mein Problem war eher, dass hier ZU VIEL erzählt wird. Als Leser möchte ich vom Autor nicht für dumm verkauft werden und das Offensichtliche auch noch erklärt bekommen. Ich möchte selber denken und vor allem möchte ich beim Lesen mitfühlen und Veränderungen der Figuren spüren können. Eben nach dem Grundsatz "Show, don't tell".

  4. Oooooje.. da hatte ich mir ja VIEL mehr erwartet :/
    Aber gut, jetzt hab ichs schon gekauft, jetzt wirds auch gelesen!! 😀

    Bussi aus Salzburg (:

    • Und es besteht ja durchaus die Möglichkeit, dass du weniger Schreibstilfetischist bist als ich und dir das Buch deshalb besser gefällt. Soll es geben, so was. Hab ich gehört. 😉

      Bussi aus dem Stuttgarter Schnee. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.