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[REZENSION] Raquel J. Palacio: »Wunder«


Raquel J. Palacio
Wunder

Originaltitel: Wonder
Hanser
1. Auflage, 2013
Hardcover
Seiten: 380
ISBN: 978-3-446-24175-6

Inhalt
Der zehnjährige August ist es gewöhnt, dass andere Menschen ihn anstarren oder ihm aus dem Weg gehen. Er weiß auch, dass die meisten Kinder nicht absichtlich gemein zu ihm sind. Sie wissen nur nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen. 
Der Grund dafür ist ein angeborener Gendefekt, der Auggies Gesicht entstellt. Weil er deshalb seit seiner Geburt so oft operiert werden musste, hat er noch nie eine richtige Schule besucht. In seiner Welt gab es meist nur ihn, seine Eltern und seine große Schwester Via. Doch jetzt soll August in die fünfte Klasse gehen und das wird nicht nur für ihn zur größten Herausforderung seines Lebens.
Meine Meinung

»Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer.«

»Wunder« ist eins der Bücher, auf die ich von selber vermutlich nie aufmerksam geworden wäre. Das Cover wäre mir im Laden bestimmt nicht aufgefallen und der Titel springt auf Anhieb auch eher weniger ins Auge. Was für ein Glück, dass mir das Buch empfohlen wurde!

August ist erst zehn Jahre alt, hat aber in seinem kurzen Leben schon so Einiges mitgemacht.  Durch einen seltenen Gendefekt sieht sein Gesicht nicht normal aus. Seit seiner Geburt ist er entstellt, wurde deshalb mehrfach am Gesicht operiert und wurde von seiner Mutter zu Hause unterrichtet. Wohin er auch geht, wird er angestarrt oder aber die Leute drehen sich beschämt von ihm weg, weil sie nicht wissen, wie sie mit seinem Anblick umgehen sollen. Andere Kinder sind gemein zu ihm, geben ihm fiese Spitznamen wie »Missgeburt« und »Alien«, dabei wünscht sich Auggie doch nichts sehnlicher, als ein ganz normaler Junge zu sein, mit einem Gesicht, das niemandem auffällt.
Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass August gar nicht begeistert ist, als seine Mutter ihm vorschlägt, dass er im neuen Schuljahr eine normale Schule besuchen soll – eine Schule voller anderer Kinder! Doch nach seinen anfänglichen Sorgen wagt August den Schritt schließlich doch. Und damit beginnt ein ebenso schweres wie belastendes Jahr für ihn, aber auch für seine Familie.

»Ich glaube, es ist so: Der einzige Grund dafür, dass ich nicht normal bin, ist der, dass mich niemand so sieht.«

Das Buch wird von verschiedenen Personen erzählt. Meist erzählt vor allem August, aber auch seine große Schwester Via, deren neuer Freund Justin und Augusts Freunde Summer und Jack kommen zu Wort. Jede Figur darf ich mehreren Kapiteln ihre eigene Sicht der Dinge – und ihre Sicht auf August – schildern, was dem Leser einen hervorragenden Blick auf das verschafft, was August selbst nicht sehen und wissen kann. So erfährt man beispielsweise, dass Via ihren Bruder über alles liebt, aber an ihrer neuen Schule einfach mal ein normales Mädchen sein will und nicht »die mit dem entstellten Bruder«, oder dass Summer sich anfangs an Augusts Mittagstisch setzte, weil sie Mitleid mit ihm hatte, ihn aber sehr schnell als Freund und humorvollen Gesprächspartner schätzen lernt. Jeder Teil trägt dazu bei, eine der Personen näher kennenzulernen und zeichnet sich durch bestimmte Eigenheiten aus. So wirkten Summer und Jack, trotzdem, dass sie in Augusts Alter sind, auf mich sehr erwachsen. Justin dagegen erschien mir als der typische Teenager, was auch dadurch deutlich wird, dass in seinen Kapiteln alle Wörter klein geschrieben sind.
Gerade die Kapitel der anderen Charaktere fand ich sehr interessant, weil dadurch Hintergründe und Missverständnisse aufgedeckt werden, während die Kapitel von August vor allem sehr bewegend sind. Diese Mischung ist der Autorin sehr gut gelungen.

»Ich weiß, dass ich kein normales zehnjähriges Kind bin. Ich meine, klar, ich mache normale Sachen. Ich esse Eis. Ich fahre Fahrrad. Ich spiele Ball. Ich habe eine Xbox. Solche Sachen machen mich normal. Nehme ich an. Und ich fühl mich normal. Innerlich. Aber ich weiß, dass normale Kinder nicht andere normale Kinder dazu bringen, schreiend vom Spielplatz wegzulaufen.«

Die Charaktere sind ebenfalls sehr gut gezeichnet. August erzählt erzählt realistisch – und deshalb umso erschreckender – aus seinem Leben und von seinen Erlebnissen mit der Umwelt. Eigentlich ist er ein ganz normaler Junge, der gerne lacht, Computer spielt und Star Wars liebt. Nur wegen des Gesichts, mit dem er geboren wurde und für dessen Aussehen er nichts kann, wird er wie ein Aussätziger behandelt. Augusts Erzählungen sind ergreifend und rühren an manchen Stellen zu Tränen. Und man beginnt, über sich selbst nachzudenken – denn jeder hat sicher schon einmal einen Menschen angestarrt, weil er irgendwie »unnormal« aussah, oder schnell den Blick gesenkt, um eben nicht zu starren.

Augusts Schwester Via, eigentlich Olivia, scheint anfangs ein wenig undurchsichtig. Sie scheint ein typischer Teenager zu sein, launisch und schwer zu verstehen. Doch das ändert sich recht schnell, denn bereits der zweite Teil des Romans gehört ganz ihr. Hier stellt man fest, dass die Situation mit Auggie für Via alles andere als leicht ist. In der Vergangenheit wusste jeder an ihrer Schule von August und jeder brachte Via damit in Verbindung. Da sie gerade die Schule gewechselt hat, will sie die Chance nutzen, endlich nur Olivia zu sein, eine ganz normale Schülerin. Andererseits ist es ihr auch wichtig, dass ihr neuer Freund Justin mit August klarkommt. Dieser Zwiespalt ist nicht leicht für einen Teenager, der nebenbei natürlich auch noch ganz eigene Probleme bewältigen muss.

»Es gibt ja Leute, die man manchmal sieht und von denen man sich nicht vorstellen kann, wie es sein muss, sie zu sein, jemand, der im Rollstuhl sitzt zum Beispiel, oder jemand, der nicht sprechen kann. Ich weiß: Für andere Leute bin ich eben dieser Mensch.«

Insgesamt ist »Wunder« ein sehr aufwühlendes und bewegendes Buch, das einerseits zu Tränen rührt und dennoch auch zum Schmunzeln und Nachdenken bringt. August besitzt so viel Kraft und Humor, so viel Lebensfreude und so ein gutes Herz, dass man sich als »gewöhnlicher« Leser noch eine Scheibe von ihm abschneiden kann.
Fazit
Ein ergreifendes Buch über einen kleinen Jungen, das den Leser zum Nach- und Umdenken bewegt. Einfach WUNDERvoll!

4 Kommentare

  1. RoM sagt

    Grüß Dich, Moena.
    Vermutbar bleibt es, anders zu sein, für Ewigkeiten ein Problem. Ausgrenzung ist fix erledigt. Und humane Reife muß erst mühsam erlernt werden.

    'Mask', mit dem jungen Eric Stoltz, ist ein gründlicher Film zum Thema. Sehenswert noch immer.

    bonté

  2. Gott sei Dank habe ich mir deine Rezi erst jetzt durchgelesen, so weiß ich sicher, dass ich weder das Zitat noch das Fazit von dir abgeschrieben habe, auch wenn es stellenweise recht ähnlich ist 😀

    Es war einfach ein sooo tolles Buch!

    • Ich hätte dir auch nicht unterstellt, dass du das abgeschrieben hast – bei dem Buchtitel ist das Wortspiel ja so naheliegend. 😉
      Und das Zitat ist einfach das beste, was man zu dem Buch sagen kann, finde ich. 🙂

  3. Pingback: Lebenszeichen vom Planeten Ei – Das Bücherei

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