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[REZENSION] Frédérique Deghelt: »Frühstück mit Proust«


Frédérique Deghelt
Frühstück mit Proust

Originaltitel: La grand-mère de Jade
Rütten & Loening
2. Auflage, 2011
Hardcover
Seiten: 274
ISBN: 978-3-352-00792-7

Inhalt
Das Schicksal führt Mamoune und ihre umtriebige junge Enkelin Jade unter einem Pariser Dach zusammen. In ihrer ungewöhnlichen Zweier-WG lernen Großmutter und Enkelin sich neu kennen und lieben. So entdeckt Jade eines Tages, dass die alte Dame heimlich liest – war sie nicht Analphabetin? Nein, Mamoune bekennt, dass sie ihrem Mann, einen einfachen Bauern, ein Leben lang mit Proust, Joyce und Musil betrogen hat. Umgekehrt entdeckt Mamoune, dass Jade an einem Buch schreibt. Über die gemeinsame Leidenschaft fürs Lesen kommen sich die beiden Frauen immer näher. Und dann macht sich Mamoune daran, der Enkelin einen Verlag zu besorgen.
Meine Meinung
»Frühstück mit Proust« war eins jener Bücher, die ich durch Zufall entdeckt habe und bei denen ich von Titel und Klappentext sofort angetan war. Die Zusammenfassung klang nach einer Mischung aus »Das Labyrinth der Wörter« und »Zusammen ist man weniger allein« – zwei Büchern, die ich zu meinen absoluten Lieblingsschmökern zähle. Vielleicht lag es an dieser Assoziation, dass mich »Frühstück mit Proust« so enttäuscht hat.

Ein Grund für meine Enttäuschung waren die Charaktere, zu denen ich einfach keine Verbindung aufbauen konnte. Abwechselnd wird aus der Sicht der beiden Frauen erzählt, was dem Leser einen Einblick in beide Welten gewährt. Mitfühlen konnte ich trotzdem nur schwer.
Zum Einen gibt es da also Jade, freie Journalistin, die mit ihrem Beruf hadert und nach fünf Jahren Beziehung gerade frisch von ihrem doch recht langweiligen Exfreund getrennt, den sie bis vor Kurzem noch für den Mann ihres Lebens hielt. Nun hält sie sich für beziehungsunfähig, will aber – als sie von ihrem Vater erfährt, dass ihre Großmutter Jeanne einen Schwächeanfall hatte und von ihren Töchtern in ein Heim gesteckt werden soll – plötzlich ihr Leben mit einer Achtzigjährigen teilen. Kurzentschlossen setzt sie sich ins Auto, holt ihre Großmutter in deren Haus ab und bringt sie in ihre kleine Wohnung in Paris.
Jeanne, von Jade nur Mamoune genannt, ist augenscheinlich eine einfache Frau vom Lande, verheiratet mit einem Bauern, der vor ein paar Jahren verstarb. Doch was niemand weiß: heimlich ist Mamoune eine richtige Leseratte und hat in ihrem Leben sämtliche Werke berühmter Autoren verschlungen. Seit dem Tod ihres Mannes lebte sie allein in ihrem Haus und pflegte ihren Garten, bis sie den besagten Schwächeanfall erlitt. Ihre Töchter sind der Meinung, dass Mamoune nicht mehr alleinbleiben kann und wollen sie daher in ein Pflegeheim verfrachten – was die alte Dame darüber denkt, wird nicht gefragt. Da kommt es Jeanne ganz gelegen, dass Jade so spontan auf die Idee kommt, sie zu »entführen«. Und Mamoune lebt sich recht schnell ein in Paris: Während Jade zur Arbeit geht, spaziert sie bald allein durch das Viertel, beschäftigt sich mit dem Internet, und als sie erfährt, dass ihre Enkelin einen Roman geschrieben hat, betätigt sie sich auch als Lektorin, Kritikerin und Agentin.

So weit, so schön. Bei ihrer Suche nach einem Verlag für Jades Roman stößt Mamoune auf einen sympathischen Verleger, der in ihrem Alter ist. Mit ihm entwickelt sich zunächst ein nettes E-Mail-Gespräch und schließlich ein erstes persönliches Treffen, bei dem mehr Gemeinsamkeiten ans Licht kommen als nur die gemeinsame Leidenschaft für Bücher.
Jade begegnet währenddessen ebenfalls einem interessanten Mann, der sie nicht mehr loslässt. Und das, wo sie doch gerade erst wieder Single ist und so schnell keine neue Beziehung eingehen wollte!
Insgesamt liefert »Frühstück mit Proust« also zwei schöne Liebesgeschichten zweier sehr unterschiedlicher Frauen, anrührend, märchenhaft … und am Ende gar nicht wahr.

Womit wir beim größten Manko des Buches sind: das Ende. Das war für mich einfach nur enttäuschend. Nachdem die Geschichte keine Spannung enthält, da die Protagonisten einfach fröhlich vor sich hinleben und man als Leser den Eindruck gewinnt, dass für beide gerade alles toll ist – nachdem man also 270 Seiten lang darauf wartet, dass irgendetwas passiert (und sich gleichzeitig doch irgendwie darüber freut, dass den beiden Protagonistinnen nichts passiert), kommt das Buch mit einem Ende um die Ecke á la »So schön hätte es sein können, aber der Protagonist hat alles nur geträumt«. Arg! Wenn ich eines in einer Romanhandlung absolut verabscheue, dann solche Auflösungen.

Um wenigstens etwas Positives zum Buch zu sagen und die zwei von mir vergebenen Eier zu erklären: Fréderíque Deghelts Schreibstil ist wunderschön und auch der Grund, warum ich das Buch trotz mangelnder Spannung so schnell durchgelesen hatte. Vor allem in den Kapiteln aus Sicht von Mamoune finden sich viele treffende Metaphern und poetische Sätze, von denen nicht wenige in meinen Zitateschatz gewandert sind.
Fazit
Ein sehr poetisches Frühstück, dem ansonsten aber leider die nötige Würze fehlt.

2 Kommentare

  1. RoM sagt

    Salut, Moena.
    Buck blickt hier etwas verdottert aus der Schale.

    Spätestens seit "Dallas" ist das "Alles-nur-geträumt"-Ding ein absolutes no go. Die billige Methode sich aus einer aufgebauten Story zu mogeln.
    Inhaltliche Poesie und alltägliche Ereignisse – läßt mich jetzt an die schönen Filme Eric Rohmers denken.

    bonté

  2. Herrliches Wortspiel! 😀

    Ja, das Ende hat mich wirklich sehr enttäuscht. Der Rest hätte ja eigentlich ganz schön sein können, wenn es am Ende noch ein vernünftiges Finale gegeben hätte. Aber so was … nee.

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