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[REZENSION] Joanne Horniman: »Über ein Mädchen«


Joanne Horniman
Über ein Mädchen

Originaltitel: About a girl
Carlsen
1. Auflage, 2013
Hardcover
Seiten: 222
ISBN: 978-3-551-58271-3

Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar!

Inhalt
Anna ist schüchtern und einsam – bis sie Flynn trifft, zuerst mit Gitarre auf der Bühne, dann im Café, dann mit vollen Einkaufstüten auf der Straße. Beide fühlen sich unwiderstehlich zueinander hingezogen. Zusammen zeichnen sie, essen Bananenkuchen, träumen, baden, lachen – und lieben sich. Doch auch zwischen Liebenden gibt es Geheimnisse.
Meine Meinung
»Über ein Mädchen« ist ein Buch, das in der Buchhandlung zwischen all den leuchtenden Glitzercovern kaum auffallen dürfte. Trotzdem, oder gerade deshalb, ist es wunderschön – nicht nur von außen.

»Und überhaupt ist jeder auf seine eigene Art anders.«

So wie das Äußere des Buches eher in zurückhaltendem Pastellrosa und Rosendruck daherkommt, setzt auch der Roman selbst auf die leisen Töne. Er erzählt die Geschichte der neunzehnjährigen Ich-Erzählerin Anna, die viele Meilen von Zuhause weggezogen ist, um Abstand zu ihrer Vergangenheit zu gewinnen und ein neues Leben anzufangen. Zurückgezogen und schüchtern lebt und arbeitet sie in der fremden Stadt und ist mehr oder weniger einsam. Bis sie Flynn trifft. Sofort ist Anna von der talentierten Sängerin auf der Bühne fasziniert und als sich die beiden wieder über den Weg laufen, wird aus der Faszination schnell Liebe und Annas Gedanken kreisen nur noch um eins: Flynn. Doch was so schön sein könnte, bringt einige Schwierigkeiten mit sich.

»Denn man kann sich entscheiden, ob man sich verlieben will. Doch sobald man das getan hat und mittendrin steckt, kommt man nicht mehr heraus. Es gibt keinen Weg zurück.«

Für Anna ist es nichts Neues, sich zu anderen Frauen hingezogen zu fühlen. Schon seit sie ein kleines Mädchen war, ist ihr klar, dass sie das weibliche Geschlecht bevorzugt – aber auch, dass das für ein Mädchen nicht normal ist. Das führt dazu, dass sie sich ausgeschlossen fühlt, anders als die anderen, unnormal. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als eine feste Beziehung, in der sie ein Zuhause finden kann.

Im Gegensatz zu Anna ist es für Flynn das erste Mal, dass sie sich in eine Frau verliebt. Sie wirkt anfangs sehr mysteriös und im Verlauf der Geschichte ziemlich wechselhaft, ist mal da und mal nicht, was Annas Gefühle auf eine harte Probe stellt, die vor allem nach Beständigkeit und uneingeschränkter Zuneigung sucht. Was sich hinter Flynns flatterhaftem Verhalten verbirgt, ist vor allem Unsicherheit, aber auch Unentschlossenheit. Denn Flynn erzählt Anna längst nicht alles, was auf Annas Seite in Verlustangst und Eifersucht gipfelt. Und als sie es schließlich doch tut, stehen die Mädchen vor einer schweren Entscheidung.

Mich als Leser hatte Anna sehr schnell für sich gewonnen. Man verfolgt im ersten Teil des Buches, wie sie Flynn kennenlernt und wird dabei zunächst ziemlich im Dunkeln gelassen. Viele Fäden laufen vorerst ins Leere, scheinbar ohne Bezug zur Geschichte. Doch spätestens im zweiten Teil des Romans konnte ich nicht mehr anders, als mit Anna mitzufühlen und mit ihr zu leiden. Hier erfährt man mehr über Annas Vergangenheit, über ihr Leben mit dem Wissen, anders zu sein und was sie dazu bewog, ihre Heimatstadt zu verlassen und sich allein an einem Ort niederzulassen, der so weit weg liegt von allem, das sie kennt und liebt. Ab hier waren Annas Gedanken und Handlungen ebenso wie ihre Ängste absolut nachvollziehbar.

»Wir waren wie zu große Kinder, die das Spielen verlernt hatten. Ich spürte, dass ich sie verlor, aber ich hatte mich ihr seltsamerweise noch nie näher gefühlt.«

Der dritte Teil des Buches bringt den Leser schließlich zurück zu Flynn und Anna und spätestens jetzt wird klar, dass eine Beziehung zwischen den beiden einfach nicht funktionieren kann. Denn beide Mädchen haben in ihrem Leben einiges erlebt, das sie immer wieder einholt. Beide sind auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt, gehen damit aber sehr unterschiedlich um. Während Flynn aufgeschlossen ist, Freunde hat und ihr Seelenheil im Schreiben von Songtexten findet, vergräbt sich Anna in Büchern und in ihren Gedanken. Sie sehnt sich danach, geliebt zu werden und sich wohlfühlen zu können – aber kann sie das in Flynns Armen jemals finden?

Insgesamt schwankt die Stimmung des Romans von fröhlich über nachdenklich bis bedrückt, wozu vor allem der angenehm bildhafte und gefühlvolle Schreibstil beiträgt, der in jeder Szene die passende Atmosphäre schafft. Als Leser merkt man kaum, wie die kurzen Kapitel an einem vorbeifliegen. Das Ende der Geschichte ist schließlich bitter, nicht nur für Anna und Flynn.
Gleichzeitig ist es aber auch der einzig logische Schluss – auch wenn
die Liebe so oft jeder Logik entbehrt.
Fazit
Ein besonderer Roman über die Liebe und die Schwierigkeiten, die sie so oft mit sich bringt.

8 Kommentare

    • Das scheint den meisten Lesern so zu gehen, wenn man die Rezensionen so liest. Aber das Buch ist auch einfach zu schön, um es nicht zu mögen. 🙂

  1. RoM sagt

    Hallo Moena.
    Dieser Roman trifft – soweit ich es übersehen kann – auf ein gerüttet Maß an Respekt in den Besprechungen. Und ich denke, die Autorin hat für ihr Thema den passenden Ton gefunden. So mein Resümee der Rezensionen.
    Mitfühlen kann man/frau mit Anna wirklich, leidet ihr emotionales Sein, ihre persönliche Entwicklung unter der Borniertheit mancher "Normaler" (gar ihrer Eltern?). Und daß der Roman nicht mit Hochzeitsglocken endet, gibt den Gefühlen von Anna & Fynn ihre positive Gewöhnlichkeit. Es ist und bleibt normal.

    Anmerkenswert, daß (zB) in Frankreich eine konservative Strömung gegen die neuen Rechte der Homo-Ehe protestiert. Worin gründet aber eine Paranoia, wenn ein weibliches oder männliches Paar Kinder adoptieren möchte?!

    Wohl definitiv in Unkenntnis! Von frömmelnden Kreuzzüglern einmal ganz zu schweigen.

    So gute wie wichtige Lektüre.

    bonté

    • Annas Eltern wissen bis kurz vor Ende des Romans nicht, dass sie lesbisch ist. Übrigens auch ein Puzzleteil der Geschichte, das ich sehr gut umgesetzt fand, ebenso wie das Ende, obwohl es auf den ersten Blick unbefriedigend ist. Aber gerade das macht den Roman aus, finde ich.

      Was diese Paranoia angeht, ist es wohl einerseits Unkenntnis und zum anderen das Ablehnen von allem, was nach den eigenen Normen "unnormal" ist. Und die Angst, dass das adoptierte Kind diese "falschen" Normen übernehmen könnte. Nun ja. Der Mensch war ja noch nie für seine Toleranz bekannt.

  2. heieiei das war hart 😀 hab soeben nur dein Fazit gelesen (bin ganz selig!), weil das Buch gerade erst bei mir eingezogen ist 😀

    • Das hab ich auf Facebook gleich erspäht in deinem Bücherstapel. 😉 Ich finde es beneidenswert, wenn du so konsequent sein kannst. Ich hätte wahrscheinlich zuerst das Fazit gelesen … und dann doch noch den Rest. 😀

  3. .hihi. (: neeein, das geht gar nicht (okay, manchmal geht's einfach nicht anders ^^) Aber nun freu ich mich einfach zu wissen, dass es dir gefallen hat 😀

    • Das hat es. Nicht so, dass es für ein goldenes Ei in Frage käme, aber so, dass ich es sehr, sehr schön und viel zu kurz fand. 🙂

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