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[REZENSION] Martin Page: »Antoine oder die Idiotie«


Martin Page
Antoine oder die Idiotie

Originaltitel: Comment je suis devenu stupide
Wagenbach
4. Auflage, 2009
Taschenbuch
Seiten: 135
ISBN: 978-3-8031-2489-0

Inhalt
Froh zu sein, bedarf es wenig, sofern man es schafft, vor den Übeln der Welt die Augen zu verschließen. So denkt zumindest Antoine, denn er ist fest davon überzeugt, dass sein fehlendes Glück im Leben nur seiner Intelligenz geschuldet ist.  Und so nimmt er sich vor, aktiv den Verstand zu verlieren.
Meine Meinung
»Antoine oder die Idiotie« wurde mir vor ein paar Wochen empfohlen und da der Klappentext interessant klang und sich ein bisschen wie Die fabelhafte Welt der Amélie anhörte, lag das Buch kurze Zeit später auf meinem Nachttisch.

Und tatsächlich scheint der fünfundzwanzigjährige Antoine ein wenig wie der kleine Bruder von Amélie. Er lebt als ewiger Student in den Tag hinein und streift durch Paris, während um ihn herum lauter kleine Merkwürdigkeiten passieren. So hat Antoine einen besten Freund, der im Dunkeln leuchtet, und eine lesbische Freundin, die Achterbahn fährt, um schwanger zu werden (etwas, das Antoine ziemlich auf den Magen schlägt). Außerdem zahlt Antoine keine Miete, weil sein Vermieter an Alzheimer leidet und die Miete schlichtweg vergisst. Ansonsten schlägt sich Antoine durch, indem er im Supermarkt täglich ein wenig Shampoo oder Zahnpasta klaut – eben nur so viel, wie er gerade braucht. Das ist okay, findet Antoine. Bücher stiehlt er in einzelnen Seiten, die er zu Hause nach und nach wieder zusammenklebt. Zwanzig solcher »Sonderausgaben« hat Antoine schon gesammelt.

Eigentlich könnte Antoine also ziemlich zufrieden sein. Ist er aber nicht. Und er ist überzeugt davon, dass das nur an seiner Intelligenz liegt. Er ist einfach zu klug, um glücklich zu sein!
Dagegen möchte Antoine etwas unternehmen. Zuerst versucht er, Alkoholiker zu werden. Der Versuch scheitert allerdings kläglich, als Antoine nach einem halben Glas Bier im Krankenhaus landet. Seinen nächsten Ausweg sieht er im Selbstmord. Aber auch das misslingt, diesmal sogar ohne einen ernsthaften Versuch, da Antoine die Idee nach einem Besuch in einem Selbstmörderseminar doch nicht mehr so gut erscheint.

Schließlich trifft Antoine eine folgenschwere Entscheidung: um sich das Leben zukünftig leichter und angenehmer zu gestalten, will er aufhören zu denken. Und tatsächlich scheint es für Antoine endlich einmal aufwärts zu gehen (wenn es auch eher auf Zufällen beruht). Nur eines hat Antoine in seinem Plan nicht einkalkuliert: Seine Freunde, denen der alte Antoine viel lieber war.

»Antoine oder die Idiotie« ist ein Buch voller skurriler Figuren und Begebenheiten. Amüsiert haben mich vor allem die ersten Kapitel über Antoines Versuche zu Alkoholsucht und Suizid – zwei Themen, die normalerweise so gar nicht amüsant sind. Doch in Antoines Welt scheint es völlig normal zu sein, sich in einer Kneipe das Saufen beibringen zu lassen (denn jemand wie Antoine braucht für so etwas natürlich Hilfe) oder ein Seminar für Selbstmörder zu besuchen. Aber glücklicherweise schlagen beide Versuche fehl, sodass Antoine dem Leser auch weiterhin erhalten bleibt.

Zwischen allem Humor und allerlei Skurrilitäten birgt Antoines Geschichte aber auch etwas Tragisches. Denn eigentlich ist Antoine etwas Besonderes. Ein Außenseiter, der sich nicht anpassen kann, weil er zu intelligent ist und ständig alles hinterfragen und durchdenken muss, der nicht bereit ist, Dinge einfach als normal anzusehen, nur weil alle anderen das tun. Das schließt ihn aus der Gesellschaft oft aus und macht ihn unglücklich. Besonders die Tatsache, dass er vermutlich nie eine Frau an seiner Seite haben wird, macht ihn einsam.

Um glücklich zu sein, muss Antoine also gewissermaßen »dumm« werden. Langsam aber sicher passt er sich an, hört auf zu denken und nimmt die Welt, wie sie ist – er wird so wie alle. Und damit wird aus Antoine nicht unbedingt ein besserer Mensch.
Fazit
Ein Roman, der auf humorvolle Weise Kritik an einer Gesellschaft übt, in der Nachdenken und Hinterfragen schnell einsam macht.

2 Kommentare

  1. RoM sagt

    Grüß Dich, Moena.
    Selten jagt mir ein Schauer den Rücken hinunter, wenn ich eine Buchrezi lese. Hier war es der Fall – wohl, weil mir während der Sätze ein Film im Hinterkopf abzulaufen begann.*

    Eine anmerkenswerte Novelle und bereits in der vierten Auflage. Ungewöhnlich für einen ungepuschten Titel. Merci pour la indication!

    Wie ich sehe gibt es ein neues Seitlich-Foto von "hinter der Schale". 🙂

    bonté

    *kann jetzt auch daran liegen, daß ich erst gestern 'Submarine' gesehen habe. Ein emotional ähnlich gestrickter Film aus Wales.

  2. Hui, na das nehme ich doch mal als großes Kompliment. Mein Blog lebt schließlich hauptsächlich von den Rezensionen, da trifft es sich ja gut, wenn die eine oder andere tatsächlich zum Lesen animiert. 😉

    Auflagenzählungen sind relativ – immerhin kann eine Auflage sowohl aus 10000 als auch aus 1000 Büchern bestehen. Anmerkens- und bemerkenswert ist der Roman aber so oder so, das ist ja zum Glück nicht von Verkaufszahlen abhängig.

    Ahem, ja, du siehst richtig. Es war mal Zeit, den Frühling einzulassen. Ein bisschen grün steht dem Ei auch mal ganz gut, auch wenn es weniger ins ansonsten konsequente Farbdesign passt. 😉

    * Immer wieder sehr elegant, diese Fußnoten.

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