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Spontane Neuzugänge zu später Stunde

Nachdem ich heute bei der Arbeit einen Stapel Bücher ins Lager einsortiert hatte, fielen mir spontan ein paar Bücher in die Hände, die ich unbedingt lesen wollte:

Lucía Puenzo: »Wakolda«
Eine argentinische Familie im Citroën und ein alleinreisender Deutscher
im Chevrolet geraten in der Einöde Patagoniens in ein Unwetter. Während
der gemeinsam verbrachten Sturmnacht erregt die Kleinwüchsigkeit von
Lilith, der 12- jährigen Tochter der Familie, die Aufmerksamkeit des
Ausländers, der sich José nennt. Nach der Ankunft in Bariloche quartiert
sich der Fremde bei der Familie als Untermieter ein und verspricht, das
Mädchen zu behandeln. Als er dann sogar Liliths neugeborenen
Zwillingsschwestern das Leben rettet, gewinnt er nach und nach das
Vertrauen der Familie. Doch die seltsamen Skizzen in seinem Zimmer
lassen keinen Zweifel zu: José und Josef Mengele, der KZ-Arzt von
Auschwitz, sind ein und dieselbe Person …

Javier Sebastián: »Der Radfahrer von Tschernobyl«
Auf dem Weg nach Paris zur Internationalen Generalkonferenz für Maß und
Gewicht wird der spanische Delegierte und namenlose Erzähler dieses
außergewöhnlichen Romans Zeuge davon, wie ein alter Mann in einem
Fastfood-Restaurant ausgesetzt wird. Mehr oder weniger unfreiwillig
nimmt er sich des Fremden an, auf dessen Unterarm eine geheimnisvolle
Tätowierung in kyrillischen Buchstaben prangt.
Als sich herausstellt,
dass es sich bei dem Alten um den Atomphysiker Wassili Nesterenko
handelt, dank dessen Intervention damals in Tschernobyl noch Schlimmeres
verhindert werden konnte, verwischen sich die Grenzen zwischen Fiktion
und Fakten vollends: Sebastián entführt uns aus Paris nach Prypjat, der
Retortenstadt in unmittelbarer Nähe des Reaktors, und erzählt
eindringlich die Schicksale seiner Bewohner.

Milena Michiko Flasar: »Ich nannte ihn Krawatte«
Ein junger Mann verlässt sein Zimmer, in dem er offenbar lange Zeit
eingeschlossen war, tastet sich durch eine fremde Welt. Eine Bank im
Park wird ihm Zuflucht und Behausung, dort öffnet er die Augen, beginnt
zu sprechen und teilt mit einem wildfremden Menschen seine Erinnerungen.
Der andere ist viele Jahre älter, ein im Büro angestellter Salaryman
wie Tausende. Er erzählt seinerseits, über Tage und Wochen hinweg,
Szenen eines Lebens voller Furcht und Ohnmacht, Hoffnung und Glück.
Beide sind Außenseiter, die dem Leistungsdruck nicht standhalten, die
allein in der Verweigerung aktiv werden.
Aus der Erfahrung, dass Zuneigung in Nahrung verpackt, Trauer im
Lachen verborgen werden kann und Freundschaften möglich sind, stärken
sie sich für einen endgültigen Abschied und einen Anfang.

Kategorie: Allgemein

von

Baujahr 1990, Lektorin und Leseratte. Schreibt auf www.das-buecherei.de übers Lesen und das Leben mit Büchern.

4 Kommentare

  1. RoM sagt

    Bonjour Moena.
    Spontan war mein Gedanke, beim Blick auf Dein Foto, "schön vollendete Bücher". Rein äußerlich bereits. Ich schätze dieses Format in besonderer Weise, weil die Bücher hier wolkengleich in der Hand zu liegen kommen.

    Dein abschließender Satz zu Milena Michiko Flasars (Poesie bereits im Namen!) Roman ist trefflich wundervoll!

    bonté

    • Schön an den Büchern ist vor allem, dass sie sich hübsch in einer Reihe ins Regal stellen lassen, dank gleichen Formats. Von anderen Verlagen kann man das ja leider nicht immer behaupten. Ansonsten sind die Bücher ja eher unauffällig, aber "vollendet" ist auch ein schönes Wort dafür.

      Der Fairness halber sei darauf hingewiesen, dass die Sätze zu den Büchern nicht auf meinem Mist gewachsen sind, sondern von der Verlagswebseite stammen. Ich hab die Bücher ja noch nicht gelesen und könnte deshalb nur meine Kollegin zitieren, die meine Auswahl kommentierte mit "Da hast du dir wirklich sehr schöne Bücher rausgesucht". Hoffen wir, dass sie recht hat. 😉

    • Das kann ich inzwischen auch bestätigen. Ein empfehlenswertes Buch für Leser, die sich für die Thematik interessieren.

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