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[REZENSION] Kathrin Schrocke: »Freak City«


Kathrin Schrocke
Freak City

Carlsen
1. Auflage, Juni 2013
Taschenbuch
Seiten: 234
ISBN: 978-3-551-31093-4

Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar!

Inhalt
Lea ist hübsch, temperamentvoll – und von Geburt an gehörlos. Als Mika sie zum ersten Mal sieht, zieht sie ihn sofort in ihren Bann. Doch weder seine Freunde noch seine Familie können verstehen, warum er plötzlich einen Gebärdensprachkurs belegen will. Und Mika fragt sich mehr als einmal, ob er Lea nicht einfach vergessen sollte. Dabei gibt es schon längst kein Zurück mehr.
Meine Meinung
Wieder einmal hat mich der Newsletter von Carlsen auf ein äußerlich unauffälliges, aber besonderes Buch aufmerksam gemacht. Die Rede ist von Kathrin Schrockes »Freak City«.

Der fünfzehnjährige Mika hat es im Moment nicht leicht: mit seiner Familie scheint er sich nicht mehr zu verstehen, sein Vater ist beleidigt, weil er keine Lust auf die gemeinsamen Kletterausflüge mehr hat, und seine große Liebe Sandra hat sich gerade aus heiterem Himmel von ihm getrennt. Halt geben ihm gerade noch seine besten Freunde Calimero und Basti, mit denen er durch die Stadt zieht und hübschen Mädchen anzügliche Sprüche hinterher ruft. So trifft Mika auch das erste Mal auf die hübsche Lea, die allerdings überhaupt nicht auf die drei Jungs reagiert. Erst als Mika sie durch Zufall wiedersieht, versteht er, warum: Lea ist gehörlos.

Da Mika das fremde Mädchen unbedingt näher kennenlernen möchte, ergeben sich natürlich einige Probleme: Wie verständigt man sich mit einem gehörlosen Menschen? Wie klingt es, wenn sie etwas sagen, wenn sie ihre eigene Stimme nicht hören können? Und wie kann Mika Lea klarmachen, was er von ihr will?
Ein Gebärdensprachkurs soll Abhilfe schaffen. Mika, der sich sonst zu kaum etwas aufraffen kann, lernt mit Elan und taucht in eine Welt ein, von der er bisher nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Neben Lea lernt er auch andere gehörlose Menschen kennen, besucht ein Gehörlosenkonzert und wird immer besser darin, sich mit Lea zu verständigen.

Als die Beziehung zwischen Lea und Mika ernster zu werden beginnt, wird es allerdings auch komplizierter: Mikas Familie und Freunde können nicht nachvollziehen, warum er sich für ein »behindertes« Mädchen interessiert. Und auch Lea macht es Mika nicht leicht. Sie ist auf ihre Weise geheimnisvoll und zieht sich zurück; die Gründe dafür soll Mika erst später herausfinden. Und dann ist da noch Sandra, Mikas Exfreundin, die ihm plötzlich doch wieder Hoffnungen macht.
Für Mika ist es ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, ein Hin und Her zwischen zwei Mädchen, die so vollkommen verschieden sind – und zwischen den Welten, die sie ihm eröffnen.

Für mich war »Freak City« ein sehr interessanter und aufschlussreicher Jugendroman. Das Thema Gehörlosigkeit wird in Romanen selten behandelt und ich hatte mich vorher nie wirklich damit beschäftigt, weshalb das Buch auch mir als Leser eine Welt gezeigt und näher gebracht hat, die ich vorher nicht kannte und nicht wahrgenommen hätte.
Kathrin Schrocke behandelt das Thema sehr einfühlsam und legt Ich-Erzähler Mika genau die richtigen Worte in den Mund, um es auch für Jugendliche ansprechend und interessant zu machen. Auch Mikas Beziehungschaos kommt gut rüber, wobei ich im Verlauf der Geschichte immer öfter das Bedürfnis hatte, ihn kräftig zu schütteln, da ich nicht nachvollziehen konnte, warum Mika sich immer wieder von Sandra hinhalten lässt, die ihn doch vorher auf eine ziemlich unschöne Art abserviert hat.
So fiel es mir in der Mitte der Geschichte etwas schwer, Mitgefühl für Mika aufzubringen. Insgesamt war mir Mika als Hauptfigur aber sehr sympathisch und das Buch viel zu schnell zu Ende.
Fazit
Ein einfühlsamer Jugendroman, der dem Leser ein sehr interessantes und selten behandeltes Thema näherbringt.

7 Kommentare

  1. RoM sagt

    Grüß Dich, Moena.
    Ein gutes Thema, in eine solide Story gefügt und interessierend aufbereitet. Thor würde jetzt sagen: "Guter Stoff! Mehr davon!". 🙂
    Aprospos…
    Die französische Schauspielerin Emmanuelle Laborit hat die Erfahrungen ihrer Kindheit & Jugend als Gehörlose niedergeschrieben und veröffentlicht. "Der Schrei der Möwe" ist der Titel.
    Meine Revenge für all Deine Lesetips. 😉

    Ansonsten freue ich mich tagtäglich auf Dein ausgewähltes Zitat.

    bonté

    • Dann danke ich vielmals für den Lesetipp! Wird gleich mal unter die Lupe genommen.

      Das tägliche Zitat gibt es ab jetzt immer pünktlich zwölf Uhr mittags. Ich habe mir nämlich am Wochenende endlich mal die Zeit genommen, die ganzen Zitate in Blogposts zu kleiden und sie somit vorauszuplanen. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen – für diesen Monat. 😉

  2. Auf deine Rezension war ich schon sehr gespannt. Schön, dass es dir gefallen hat. Mir ist es auch so ergangen, dass mir durch das Buch eine ganz neue Welt eröffnet worden ist. Ich merke auch, dass ich seit dem ich das Buch vor knapp 2 Jahren (damals erschien es bei einem anderen Verlag) gelesen habe, ganz anders mit dem Thema im Alltag umgehe.

    Liebe Grüße,
    Jai

    • Du warst gespannt auf die Rezension? Das ehrt mich. 😉
      Ja, mir hat es gut gefallen, auch wenn die Geschichte an sich ja keine so supermegabesondere ist. Mika hätte ich an einigen Stellen auch sehr gern den einen oder anderen Klaps auf den Hinterkopf verpasst. 😀

      Was das Thema Gehörlosigkeit angeht, hat mich das Buch auch an Einiges zurückdenken und darüber nachdenken lassen. Beispielsweise gab es in der Buchhandlung, in der ich meine Ausbildung gemacht habe, eine Stammkundin, die entweder gehörlos oder zumindest sehr schwerhörig war. Da war die Beratung auch nicht immer leicht. Nach dem Buch sieht man solche Menschen und die Begegnungen mit ihnen dann ganz anders.

    • Stimmt, Mika hätte ich manchmal auch gerne geschüttelt. Andererseits fand ich es wirklich toll, wie sehr er sich auf Lea einlassen konnte, und das hat alle Klopser wieder rausgeholt.

      Ich habe beruflich auch schon Kontakt zu Gehörlosen gehabt. Ich finde wenn beide Seiten miteinander reden wollen, dann funktioniert das auch – mit Händen, Füßen, Stift und Papier 🙂

      Ich war mal auf einer Lesung zu dem Buch und fand es sehr interessant, ein wenig über die Hintergründe der Geschichte zu erfahren. Falls es dich interessiert:

      http://diejai.blogspot.de/2012/03/freak-city-lesung-mit-kathrin-schrocke.html

      Liebe Grüße,
      Jai

    • Stimmt, wenn beide Seiten wollen, funktioniert die Kommunikation auch ohne Gebärden. Ist ja genauso, als würde der andere eine Fremdsprache sprechen. 🙂

      Vielen lieben Dank für den Link zu deinem Bericht! Den habe ich gerade sehr interessiert gelesen, sowohl die Hintergründe zum Roman als auch den Werdegang der Autorin – da ich selber schreibe und auch gerne mal von einem eigenen Buch träume, finde ich solche Geschichten natürlich auch sehr spannend. 😉

      Kathrin Schrocke scheint ja eine sehr sympathische Person zu sein. Passt sehr gut zu ihrem Buch, wie ich finde.

    • Mir war sie auch sehr sympathisch. Genauso auch Michael Kessler. Im TV sieht man ihn ja meist eher weniger ernst, aber er hat das Buch klasse gelesen.

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