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NaNoWriMo. Oder: Was ich im November so treibe

In meinem Monatsrückblick hatte ich euch ja schon angekündigt, dass es im November sehr still werden wird beim Bücherei. Grund dafür ist der National Novel Writing Month, kurz NaNoWriMo, bei dem es darum geht, innerhalb des Novembers einen Roman mit mindestens 50.000 Wörtern zu schreiben. Ich greife also in diesem Monat selbst zur Feder – so zumindest der Plan, denn in den letzten sechs Tagen hatte ich dann doch viel weniger Zeit und Ruhe dazu als vorher gedacht. Da ich aber irgendwie mein letztes Studiumssemester finanzieren muss und vom Schreiben bisher leider nicht leben kann 😉 , geht die Arbeit eben vor.

Aber ich schweife ab, denn ich hatte euch im Monatsrückblick auch angedroht, dass ich euch statt der üblichen Buchbloggerei diesen Monat ab und zu über meine Schreibfortschritte auf dem Laufenden halten werde.
Mein diesjähriges Projekt hört auf den leicht kitschigen Arbeitstitel »Schwanenherz – Warten auf Hope«. Wer wissen will, worum es darin gehen wird, kann schon mal hier ein kurzes Klappentextchen lesen. Und für alle, die davon neugierig geworden sind, folgt jetzt eine kleine Leseprobe. Viel Spaß! 😉

Kapitel 1

»Sozialstunden? Du beschwerst dich über Sozialstunden?!« 
   Jürgens Adamsapfel hüpft auf und ab, während er brüllt. Auf und ab. Hüpf. Hüpf. Ich achte mehr darauf als auf das, was er sagt. Ich weiß genau, was kommt.
   »Das kann doch nicht dein Ernst sein!«
   Natürlich kann es das. Die Leute auf dem Flur vor dem Gerichtssaal schauen neugierig zu uns herüber. Sie verstecken sich hinter Akten und Zeitungen, aber sie starren uns an. Endlich passiert mal was, nachdem sie schon seit gefühlten Stunden auf dem linoleumverzierten breiten Gang mit den kotzgelben Tapeten und den durchgesessenen Stühlen auf die Verhandlung ihres Nachbarschaftsstreits warten. Ein Mann, der einen Jugendlichen anbrüllt, ist natürlich viel spannender und lässt sie den verhassten Gartenzwerg mit dem Stinkefinger und die durch den Zaun wuchernde Hecke, die das Bild ihres säuberlich gepflegten englischen Rasens stört, völlig vergessen.
   »Du kannst froh sein, dass du noch so gut weggekommen bist!«, brüllt Jürgen weiter. Irgendwas habe ich verpasst, als mein Blick über die anderen Menschen wanderte. Aber Jürgens Moralpredigten sind immer dieselben. Sein Gesicht hat inzwischen die Farbe eines zu lange gekochten Radieschens angenommen. Er regt sich zu schnell auf. Man muss fast Angst haben, dass ihm der Kopf explodiert.
   »Froh sein?«, antworte ich. Weil er eine Reaktion erwartet. Weil die Leute eine Reaktion erwarten. The show must go on. »Dieser scheiß Anwalt ist ein Idiot! Der hat sich kein bisschen für mich eingesetzt. Ich dachte, der wäre dazu da, mich zu verteidigen!«
   »Wenn ich dein Anwalt gewesen wäre …«, brüllt Jürgen. Er ist Anwalt. Aber zum Glück nicht meiner. 
   »Hättest du mich direkt in den Knast wandern lassen, ich weiß«, beende ich seinen Satz, gerade laut genug, dass die anderen Leute auf dem Flur es hören können. Das nimmt ihm den Wind aus den Segeln. Es macht ihn rasend, wenn ich schon vorher weiß, was er sagen will. Ich frage mich, ob er sich im Gerichtssaal auch in ein Radieschen verwandelt. Das Bild eines Radieschens im Maßanzug lässt mich lachen. Jürgen lässt es zur Tomate mutieren.
   »Das würde dir vielleicht mal ganz guttun! Das war jetzt das dritte Mal, dass dich die Polizei zu Hause abgeliefert hat. Warum könnt ihr Jungs keine normalen Hobbys haben wie normale Jugendliche? Als ich in deinem Alter war, haben wir …« Oh Gott, jetzt kommt’s! »… Fußball gespielt oder sind mit den Rädern in den Wald gefahren, zum Zelten. Warum könnt ihr euch nicht einfach mal vernünftig beschäftigen?«
   Weil Fußball ein Sport für Idioten ist und Wald in der Großstadt Mangelware. Außerdem bin ich sechzehn und nicht sechs. Aber an Jürgen wäre jedes Wort verschwendet. »Keinen Bock«, murmele ich nur.
   »Keinen Bock, keinen Bock!«, äfft Jürgen mich nach, seine Stimme ein komisches hohes Quieken und seine Hände ein Gewirr unsinniger Gesten. Ich muss grinsen, weil er mich tatsächlich an einen Affen erinnert. »Aber Scheiße bauen, das gefällt euch! Darin seid ihr ganz groß. Hauswände beschmieren und Scheiben einschlagen!«
   Jürgens hundert Kilo schwere Schritte knarzen auf der alten Treppe, die er wütend hinunterstampft.
   »Wie soll das deiner Meinung nach weitergehen?«, fragt er. »Heute Sozialstunden, morgen lebenslänglich? Hast du da mal drüber nachgedacht?«
   Ich sage nichts dazu. Erwachsene wissen genau, dass Jugendliche jede Frage nach ihrer Zukunft am liebsten ignorieren. Wie soll es weitergehen? Wie stellst du dir das vor? Was willst du mal werden, wenn du groß bist? Dabei interessieren sie sich überhaupt nicht dafür. Die einzige Antwort, die sie hören wollen, ist die, dass man ihnen in Zukunft keine Probleme mehr machen wird. »Ist alles geplant, Mami. Du bist aus dem Schneider!«
   Ich schweige und ramme die Fäuste in die Taschen meines verwaschenen Kapuzenpullis. Er war heute Morgen der erste von vielen Anlässen für Jürgens Radieschengesicht. So könne man sich doch nicht vor den Richter stellen, hat er geschrien. Klar kann man das. Wieso soll ich im Anzug vor den Henker treten? Völliger Unsinn, aber sooo erwachsen.
   »Hast du dir mal Gedanken über deine Zukunft gemacht?«, fragt Jürgen. Er hat sich abgeregt. Das geht bei ihm meistens genauso schnell wie das Aufregen, vor allem, wenn es um meine Zukunft geht. Er stößt die monströse Flügeltür auf, die auf den Parkplatz hinausführt. Weißgrauer Kies knirscht unter meinen ausgelatschten Chucks. Ich will die hintere Tür von Jürgens dickem Protzwagen öffnen, aber sie ist verschlossen. Jürgen steht hinter mir, mit dem Schlüssel in der Hand. Sein Gesicht spiegelt sich in der Fensterscheibe, eine durch die Wölbung verzerrte Fratze, aus der gerade der letzte Wutfetzen weicht und einer sorgenvollen Mitleidsmiene Platz macht.
   »Wir machen uns Gedanken, deine Mutter und ich. Mensch, Luca, das kann doch nicht ewig so weitergehen! Du hättest dieses Jahr deinen Abschluss machen können, eine Lehre anfangen, was in der Hand haben. Du musst schon das Schuljahr wiederholen. Willst du echt in den Knast wandern und irgendwann ohne Abschluss und ohne alles wieder rauskommen? Ist das dein Ziel? Wirklich?«
   Ich antworte nicht, starre nur weiter auf die Scheibe in der Autotür. Irgendwo über mir ziehen Wolken vorbei, so schnell, dass man ihre Bewegung in der Scheibe sehen kann. Auf dem Kies hat sich eine Regenpfütze gesammelt. Ich stehe mittendrin. Mein linkes Hosenbein hat sich voll Wasser gesaugt.
   »Steig ein«, murmelt Jürgen und drückt die kleine Fernbedienung, die das Auto mit einem Piepsen zum Leben erwachen lässt. Die Fahrt nach Hause verläuft schweigend, Jürgens Blick angespannt auf die Straße gerichtet. Ich lehne meine Stirn gegen die Fensterscheibe. Sie ist angenehm kühl. Ich verliere mich irgendwo zwischen den Wolken.
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Baujahr 1990, Lektorin und Leseratte. Schreibt auf www.das-buecherei.de übers Lesen und das Leben mit Büchern.

15 Kommentare

  1. Hi!

    Das ist schön jemanden unter den Bloggern zu entdecken, der auch am NaNo teilnimmt. Ich habe mir vorgenommen, unter diesem Motto mein aktuelles Buch endlich mal zuende zu schreiben.

    Der Auszug ist dir gelungen!

    Ich werde auf jeden Fall mal bei dir reinschauen und sehen, wie du so vorankommst. Ich drücke dir die Daumen und wünsche dir viel Durchhaltevermögen und die Zeit, dein Ziel zu erreichen.

    Liebe Grüße
    Izzy

    • Hallo Izzy!

      Du machst also auch beim NaNo mit? Es ist wirklich schön, mal jemanden außerhalb des NaNo-Forums zu finden, der mitmacht. Dort ist es ja immer so wuselig und dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, wirklich NUR zum Wortzahl-Update dort vorbeizuschauen.

      Ich freue mich, dass dir der Auszug gefällt. Heute wollte ich eigentlich den ganzen (endlich mal freien) Tag zum Schreiben nutzen und bin extra früh aufgestanden. Und was ist passiert? – Ich habe mich in Recherchen verstrickt und noch kein einziges Wort zu Papier gebracht. Also alles wie jedes Jahr. 😉
      Jetzt werde ich aber mal loslegen. Ich habe ja noch über 7000 Wörter aufzuholen.

      Dein Blog ist übrigens super süß gestaltet. Ich musste gerade mal reinstöbern. 😉

    • Hi!

      Ich hab mir geschworen, so wenig wie möglich in Foren zu schreiben und eher ein eigenes Projekt aus dem diesjährigen NaNo zu machen. Ich lasse mich nämlich immer viel zu leicht ablenken (kenne das also nur allzu gut;)).

      Danke für das Blog-Kompliment, kann ich so nur zurückgeben.:)
      Ich schau mir jetzt mal deinen anderen NaNo-Post an. Hoffentlich inspiriert er mich, ich war die letzten Tagen ein wenig faul…

      LG

    • Ablenkung ist dieses Jahr gar nicht mal so ein großes Problem für mich. Dafür aber die fehlende Zeit, von der ich vorher dachte, ich hätte sogar zu viel davon. Und die Müdigkeit, wenn ich abends von der Arbeit nach Hause komme. Dementsprechend hinke ich im Moment mehr als hinterher. :/

  2. Liebe Moena,

    ich habe mir deine Geschichte jetzt durchgelesen und bin total begeistert. Am liebsten würde ich jetzt gleich weiterlesen. Ich finde deinen Schreibstil toll und auch die Idee zur Geschichte gefällt mir.

    Wirst du noch weitere Kapitel veröffentlichen oder dienen die bisherigen nur als Schmankerl bis das Buch fertig ist? Ich würds auf jeden Fall kaufen.

    Liebe Grüße,
    Jai

    • Hallo Jai!

      Wow, ich habe deinen Kommentar vorhin während der Arbeit in meinen E-Mails gelesen und er hat mir wirklich den Tag versüßt. Das ist, glaube ich, das beste, was du einem Autor schreiben kannst. Danke schön! 🙂
      Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass du den Roman mögen würdest, wäre er ein fertiges Buch. Ein bisschen kenne ich deinen Geschmack ja inzwischen. 😉 (Und natürlich unter der Voraussetzung, dass das Ganze auch so gelingt, wie ich es mir wünsche.)

      Die Sache mit dem Veröffentlichen … ich bin da immer etwas zwiegespalten. Einerseits will ich am liebsten alles gleich veröffentlichen, weil ich natürlich gerne höre, was andere Leute denken und weil es ja auch zum Weiterschreiben motiviert, wenn jemand das Geschriebene lobt oder eigene Gedanken äußert. Andererseits träume ich wie vermutlich jeder Hobbyautor natürlich auch mal von einem eigenen, richtigen Buch bei einem richtigen Verlag. Da wäre es natürlich besser, man hätte das Ganze nicht vorher schon komplett ins Internet gestellt.
      Lange Rede, kurzer Sinn: Ich entscheide da nach Lust und Laune. Im Moment erfreue ich mich noch sehr an den Kommentaren. Sollte ich irgendwann die Entscheidung treffen, das ganze nicht mehr online zu stellen, lade ich dich aber gerne dazu ein, Testleser zu spielen! 😉

    • Dass du bezüglich der Veröffentlichung sehr zwiegespalten bist, kann ich gut verstehen. Ich denke, das würde mir auch so gehen. Deswegen finde ich deinen Plan, das nach Lust und Laune zu entscheiden, sinnvoll. Dann passt die Entscheidung auch zum Bauchgefühl, was ich immer besser finde, als nur mit dem Kopf zu entscheiden.

      Testleserin spiele ich natürlich gerne:)

  3. Herrje, das hab ich ja toll hingekriegt. 😀
    Dabei ist mein November gerade von »Ich bin fast jeden Tag zu Hause, das ist DIE Gelegenheit zum Schreiben!!!« zu »Oh, ich bin ja kaum noch zu Hause, weil ich diesen Monat mehr in meinem Nebenjob arbeiten darf, als erhofft« mutiert. Leider gewinnt das liebe Geld in diesem Kampf die Oberhand …

    • Hi, Moena…
      So als trosthaltiges Pflaster könntest Du die Geldbündel * jetzt als einen Vorschuß der "Gesellschaft" betrachten. Zeit ist da einteilbarer (vermutlich könnte hierzu eine gemischte Philosophen/Ökonomen-Runde jetzt endlos diskutieren).

      Bei der Lektüre eben ist mein Film im Kopf angesprungen – chapeau!

      bonté

      * ein Scherz, er sei mir erlaubt 😉

    • So weit hergeholt ist der Scherz ja nicht. Zwei Fünf-Euro-Scheine können auch ein Bündel sein. 😉
      Ob ich mit der These über die Zeit jetzt genauso einverstanden bin, überlege ich allerdings noch. Irgendwie lässt sie mich im Moment eher im Stich, die Zeit. Aber ich hoffe auf die zweite Hälfte der Woche. Hoffentlich enttäuscht sie meine Hoffnungen nicht schon wieder.

      Der Film im Kopf gefällt mir. Wenn in deinem Kopf jetzt noch der gleiche Film läuft wie in meinem, habe ich mein Ziel voll und ganz erreicht. 😉

  4. Pingback: Monatsrückblick November 2013 – Das Bücherei

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