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Lesestoff zum Nikolaus

Heute ist Nikolaus und außerdem auch noch Buchhandels-Flashmob! Aber für alle, die sich heute noch nicht in ihrer Lieblingsbuchhandlung mit frischem Lesefutter eindecken konnten oder die Sturmtief Xaver davon abhält, habe ich mal ein bisschen … nun ja, nicht ganz so weihnachtlichen Lesestoff aus meinem selbstverzapften Kurzgeschichtenfundus gekramt. Zugegebenermaßen schon von 2010, aber Geschichten haben ja zum Glück kein Verfallsdatum. 😉

Wer auf das Bild klickt, bekommt die Online-Blättervariante. Und wer nicht blättern mag, kann einfach nach unten scrollen und findet dort quasi die Blog-Version. Viel Spaß beim Lesen! 🙂

Aus die Laus!

»Nun beeil dich doch mal, Wilfried! Es wird ja schon dunkel!«
   Es war die Stimme meiner Mutter, die in gepresstem Flüsterton die winterliche Ruhe des Waldes störte.
   »Die Kinder stehen sich schon seit einer halben Ewigkeit die Beine in den Bauch, die holen sich noch den Tod, so wie sie zittern.«
   Die Kinder, das waren mein kleiner Bruder Max und ich. Und unser Hund – Mamas drittes Kind und außer ihr der Einzige, der zitterte. Was aber kein Wunder war, schließlich versank er bis zur Nasenspitze im Schnee, wenn er nicht aufpasste. Deshalb schien er beschlossen zu haben, sich nicht mehr von der Stelle zu rühren. Stattdessen stand er sich tatsächlich die kurzen Beinchen in den runden Hängebauch, während er meinen Vater ohne Unterbrechung ankläffte. Zumindest die untere Hälfte meines Vaters, denn die andere steckte im Kofferraum unseres Autos, von wo es genervt raunte:
   »Marianne, nimm den verlausten Fußabtreter und geh ein Stück spazieren. Ich hab’s gleich.« Ein gequältes Ächzen klang aus dem Inneren des Autos. »Ich weiß, dass ich die Säge hier irgendwo habe …«
    »Verfloht«, berichtigte Max.
    »Hä?«, zischten Mama und Papa im Chor.
    »Verfloht«, wiederholte Max, »Er hat Flöhe, keine Läuse.«
   »Von mir aus auch das, aber nimm ihn … AUUUUUUUU! Verdammt noch mal, Marianne, nimm ihn weg!«
    »Gina will nur mit dir spielen. Das tust du ja nie«, tadelte meine Mutter und tätschelte den Hund, der sich ins Bein meines Vaters verbissen hatte.
    Gina, das war der Name, auf den der Hund hörte. Oder auf den er eben nicht hörte. Das war aber verständlich, denn Gina war ein Er. Eine Tatsache, die meine Mutter seit sieben Jahren erfolgreich ignorierte. Sie dekorierte das Tier jeden Tag mit einem neuen Glitzerhalsband und häkelte ihm im Winter pinke Wollpullover. Dass er damit aussah wie eine Wurst samt Pelle, schien es für sie nur umso reizvoller zu machen.
    Hätte uns der Hund nicht seit seinem Einzug terrorisiert, hätte ich vermutlich Mitleid gehabt. Ich konnte mich nämlich noch genau daran erinnern, wie ich früher mit Mamas selbst gestrickter Garnitur aus Wollpulli, Mütze, Schal und Fäustlingen in Zartrosa zur Schule hatte gehen müssen. Außer mich zum Gespött des ganzen Pausenhofes zu machen, erfüllten die kratzigen Topflappen keinen wirklichen Zweck, denn die Maschen waren so groß, dass der Wind durchpfiff. Ich hatte die Teile dann – ganz aus Versehen – eins nach dem anderen verloren und meine Mutter nach langer Diskussion davon überzeugt, dass sich die Arbeit an einer Ersatzgarnitur nicht lohnte, schließlich würde ich die vermutlich auch verlieren. Stattdessen strickte sie eine für Max, den sie allgemein für den Zuverlässigeren von uns beiden hielt.
    »Gina, komm!«, brüllte mein kleiner Bruder und schwenkte einen Stock, den er gerade aus dem Schnee gezogen hatte. Der Hund ließ von meinem Vater ab und jagte auf Max zu, der den Stock schnell ins nächste Gebüsch warf. Gina sprang wild knurrend hinterher und kam wenig später mit seiner erlegten Beute zurück, auf der er zufrieden herumkaute. Da der Stock nicht vor Schmerz aufheulte, würde Gina aber wohl bald das Interesse daran verloren haben.
   Mein Vater jedenfalls nutzte die Gelegenheit, um aus dem Kofferraum zu kriechen, in der Hand die rostige Säge, nach der er gesucht hatte.
  »So, und jetzt suchen wir uns den schönsten Baum im ganzen Wald«, verkündete er.
   Denn dafür hatten wir uns zu fünft in unser kleines Auto gezwängt und waren den ganzen Weg bis in den frisch verschneiten Wald gefahren, mitten in der kältesten Nacht des ganzen Jahrhunderts: um uns einen Weihnachtsbaum auszusuchen. Einen echten, wie Papa sagte.
    »Die auf dem Weihnachtsmarkt, die sind ja nichts Richtiges.«
   So zogen wir los, im Gänsemarsch durch den fast kniehohen Schnee stapfend, mit Papa an der Spitze. Ich hielt Max an der Hand, während Mama mit finsterer Miene das Schlusslicht bildete. Gina bellte und knurrte und unterbrach nur, um sich ausgiebig zu kratzen.
   »Marianne, die Laus kläfft noch den ganzen Wald zusammen!«, rief Papa genervt gegen den Wind, der uns die Schneeflocken in die Augen trieb.
   »Na und? Hast du Angst, dass dir die Bäume davonlaufen?«, antwortete Mama angesäuert.
   Ich wusste, dass Papa keine Angst vor laufenden Bäumen hatte. Dafür aber vor dem rennenden Förster, dem der Wald gehörte und der darauf aufpasste, dass niemand unerlaubt Tannen fällte, auch nicht an Weihnachten.
   »Der ist im Urlaub«, hatte Papa zu mir gesagt, als ich ihn darauf angesprochen hatte, »da dürfen wir das.«
    Aber vielleicht hatte so ein Förster ja eine Urlaubsvertretung. Oder sein – im Gegensatz zu Gina – wohlerzogener Dackel Seppi patrouillierte stattdessen allein durch den Wald.
    »Das liegt daran, dass der Seppi ein echter Dackel ist«, meinte Papa immer, wenn ich ihn fragte, warum Gina nicht so war wie der Förstershund. »So ein Rauhaar…dings wie Mamas Laus, das ist ja nichts Richtiges.«
    Ich sah meinen Vater nur von hinten, doch ich wusste, dass er in diesem Moment genervt die Augen verdrehte. Wie es seine Art war, überging er die schlechte Laune meiner Mutter und deutete mit der Säge auf den nächstbesten Baum.
    »Der da. Der wäre doch was!«
    »Wilfried, das ist eine Kiefer, keine Tanne«, tadelte meine Mutter in ihrem Oberlehrerton, den sie meinem Vater gegenüber so gern verwendete. Gina kläffte zur Bekräftigung.
    »Na dann … den da drüben!«
    »Der ist viel zu klein.«
    »Und was hast du gegen den?« Papa fuchtelte mit der Säge in Richtung des nächsten Baums.
    »Der hat ja kaum Äste. Wo soll ich da Omas Christbaumkugeln aufhängen? Du weißt, dass deine Mutter wieder stundenlang auf mir rumhacken wird, wenn wir ihren Schmuck nicht verwenden.«
    So liefen wir eine Ewigkeit durch den Wald. Mittlerweile war es tatsächlich stockfinster geworden und nur der Schnee und der Halbmond leuchteten uns den Weg. Gina wurde des Bellens nicht müde, ebenso wenig wie des Kratzens hinter seinen Ohren. Während Papa genauso ausdauernd über den Hund schimpfte, fand Mama an jedem Baum etwas, das ihr nicht passte. Und Gina markierte jede abgelehnte Tanne als sein Revier. Seppi würde das ganz sicher nicht gefallen.
    Bis Max plötzlich quiekte und aufgeregt mit den Händen in der Luft herumfuchtelte.
    »Der da, Papa! Der da!«
    Er zeigte auf eine wohlgeformte Tanne, die direkt vor uns aus dem Schnee aufragte. Ihre Äste waren dicht und dunkelgrün und ihr Wuchs kerzengerade. Nicht einmal meine Mutter fand etwas an dem Baum auszusetzen – was allerdings auch daran liegen konnte, dass es nicht Papa war, der den Baum vorgeschlagen hatte. Dass die Tanne viel zu groß für unser Wohnzimmer war und unser kleines Auto wahrscheinlich unter sich begraben würde, störte niemanden.
    Mein Vater schwang sofort seine Säge und machte sich daran, den Baum zu fällen. Allerdings war das Werkzeug so alt und rostig, dass es eine Ewigkeit dauerte, bis es überhaupt durch die Rinde gedrungen war. Gina sprang derweil kläffend und knurrend um Papa herum, versuchte in sein Hosenbein zu beißen und hielt nur inne, um sich zu kratzen.
    Papa schrie auf.
    »Herrgott noch mal, jetzt hab ich eine Laus!«
    »Floh«, verbesserte Max.
    Papa ließ die Säge in den Schnee fallen und sprang von einem Bein auf das andere, während er hektisch versuchte, sich durch seine Winterhose hindurch zu kratzen. Es sah fast so aus, als würde er tanzen und Max und ich mussten laut lachen, weil es uns an Oma erinnerte, wenn sie auf einem Familienfest mal wieder zu viel am Schnaps gerochen hatte. Papa fand es gar nicht lustig und schimpfte und fluchte, während er versuchte, Gina abzuschütteln, der das Schauspiel als Einladung zum Spielen betrachtete. Mit einem Fußtritt beförderte mein Vater den Hund in den Schnee, in dem er bis zur Nasenspitze verschwand, was Gina aber nicht vom Bellen abhielt.
    »Marianne, jetzt tu doch was!«, jammerte Papa. Er hatte sich gegen den Baum gelehnt und stand jetzt auf einem Bein, um das andere zu kratzen. Meine Mutter schimpfte, dass Papa sich nicht so haben sollte und half ihm beim Kratzen, was Papa nur noch mehr jammern und schimpfen ließ.
    Plötzlich hörten wir ein Knacken, dann noch eins, und noch eins, immer lauter. Max und ich verstummten und hörten genauer hin, aber Papa und Mama waren so mit der Laus beschäftigt, dass sie nichts mitbekamen.
    »Oh oh«, stöhnte Max.
    »Oh oh«, bekräftigte ich.
    Da kippte Papa schon nach hinten und das Knacken wurde zu einem lauten Ächzen.
    »Baum fällt!«, brüllte Max.
    »Der Hund!«, kreischte Mama.
  Ich hielt mir die Augen zu, hörte aber, wie die Tanne mit einem ohrenbetäubenden Krachen im Schnee landete. Es ertönte ein jämmerliches Jaulen, das ich Gina zuordnete.
    Dann war Stille.
    Nur mein Vater rappelte sich aus dem Schnee und jubelte:
    »Aus die Laus!«

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Baujahr 1990, Lektorin und Leseratte. Schreibt auf www.das-buecherei.de übers Lesen und das Leben mit Büchern.

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