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[REZENSION] Shane Jones: »Thaddeus und der Februar«


Shane Jones
Thaddeus und der Februar

Originaltitel: Light Boxes
Eichborn
1. Auflage, 2010
Hardcover
Seiten: 176
ISBN: 978-3-8218-6107-4

Seit fast neunhundert Tagen hat der kalte Februar die Stadt fest im Griff. Der Wechsel der Jahreszeiten ist Vergangenheit, Ballons und Drachen dürfen nicht mehr fliegen und Kinder verschwinden spurlos. Traurigkeit und Verzweiflung sind das Resultat. Nur Thaddeus gibt die Erinnerung an die warmen Tage nicht auf. Als der Februar ihm die Tochter und die Frau nimmt, erklärt er ihm den Krieg und zieht mit den anderen Stadtbewohnern in den Kampf gegen den endlosen Winter.
Am Rande der Stadt stößt Thaddeus auf eine einsame Hütte und auf den Februar selbst: einen einsamen Mann, der eine Geschichte zu schreiben versucht.
»Thaddeus und der Februar« ist eines dieser Bücher, die seit Monaten oder sogar Jahren auf meiner Wunschliste dümpelten, weil der Klappentext eine interessante Geschichte versprach, aber doch nie laut genug ›Lies mich!‹ geschrien haben, um sich gegen die vielen anderen Bücher auf der Liste durchzusetzen. Vor Kurzem hat es der 176 Seiten dünne Roman von Shane Jones dann aber durch Zufall doch in meine Hände geschafft – und die wollten ihn in den letzten Stunden nicht mehr hergeben, bis ich ihn schließlich am Stück ausgelesen hatte.

Dabei ist die Geschichte eigentlich keine, die man mal eben nebenbei lesen sollte. Denn »Thaddeus und der Februar« ist alles andere als Mainstream. Shane Jones spielt mit der Sprache genauso wie mit dem Leser und malt mit einem sehr poetischen Schreibstil Bilder von einer märchenhaft-surrealistischen Welt, auf die man sich einlassen muss.
Ebenso ungewöhnlich wie die Geschichte selbst ist auch die Gestaltung des Buches. Eine Aufteilung in Kapitel gibt es nicht, stattdessen besteht der Roman aus aneinandergereihten kurzen Abschnitten, die meist ein bis zwei Seiten lang sind, manchmal auch nur wenige Zeilen. Die Schriftgröße wechselt hin und wieder und wird kleiner, wenn geflüstert wird, oder größer in besonders wichtigen Abschnitten. An wenigen Stellen wird das Geschriebene durch die Schwarz-Weiß-Illustrationen von Ria Brodell ergänzt, die mindestens genauso skurril und teilweise verstörend sind wie der Text.

»Ich träumte dir ein Feld mit galoppierenden Pferden, Selah. Für dich, Bianca, träumte ich einen Ballon, so groß wie der Himmel, und meinen Körper als Drachen, den du in die Luft werfen kannst.
Zieht mich mit Schnüren und Pferden.« (Seite 79)

Shane Jones lässt dem Leser viel Raum zum Mit- und Nachdenken. Immer wieder muss man hinterfragen, wer wer ist, ob zwei Figuren vielleicht dieselbe sind oder eine Person doch zwei verschiedene. So bietet der Roman am Ende viele Interpretationsmöglichkeiten, von den düsteren Gefühlen der Depression und der Sehnsucht nach Freiheit und Neuanfang bis hin zu einem von Schaffenskrisen geplagten Autor.
Fazit
»Thaddeus und der Februar« ist ein skurriles Märchen für Erwachsene, das sicherlich nicht jedermanns Sache ist. Für Freunde von surrealen Geschichten zum Interpretieren und Nachdenken aber genau das Richtige.

4 Kommentare

  1. Hmmm, meinste, so was kann ich auch lesen? Klingt gar nicht so uninteressant und scheint ja auch ganz gut "wegzulesen" sein, so kurz, wie das Büchlein ist.

    • Hmm, hab ich auch schon überlegt, als ich's gelesen hab. Könnte dir vielleicht etwas zu »esotherisch« sein. 😉 Aber reinschauen kostet nichts, steht ja im Regal. Und es sind Bilder drin. 😛

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