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[REZENSION] Marie-Sabine Roger: »Das Leben ist ein listiger Kater«

Das Leben ist ein listiger Kater

Marie-Sabine Roger
Das Leben ist ein listiger Kater
Originaltitel: Bon rétablissement
Atlantik
1. Auflage, 2014
Hardcover
Seiten: 224
ISBN: 978-3-455-60002-5

Jean-Pierre wacht auf und kann sich an nichts erinnern. Er ist in die Seine gefallen, ein junger Mann hat ihm das Leben gerettet. Jetzt liegt er im Krankenhaus, ein Alptraum für den Einzelgänger.

Über zu viel Besuch kann sich der verwitwete Rentner ohne Kinder oder Hund zwar nicht beklagen, aber alleine ist er trotzdem nie. Ständig geht ihm jemand auf die Nerven: Die vierzehnjährige Maëva hat es auf seinen Laptop abgesehen. Maxime, ein junger Polizist, versucht herauszufinden, wie Jean-Pierre in der Seine gelandet ist, wobei die beiden ihre gemeinsame Leidenschaft für Schwarzweißfilme entdecken. Der gutherzigen Krankenschwester Myriam wächst der alte Griesgram mit Galgenhumor so ans Herz, dass sie ihn zu ihrem Lieblingspatienten ernennt. Und dann ist da noch Camille, der Student, der Jean-Pierre aus der Seine gefischt hat. Allen zusammen gelingt es nach und nach, Jean-Pierre zurück ins Leben zu holen – denn zum Leben ist es bekanntlich nie zu spät.

Nachdem ich von Marie-Sabine Roger vor allem »Das Labyrinth der Wörter« sehr geliebt habe und zu meinen absoluten Lieblingsbüchern zähle, ist es nicht verwunderlich, dass auch ihr neuster Roman den Weg in meine Hände gefunden hat. Besonders schön finde ich, dass auch bei diesem Buch wieder die hübsche Covergestaltung beibehalten wurde. Ich liebe den weißen Schutzumschlag mit den kleinen Zeichnungen einfach und so fiel mir das Buch auch sofort auf.

»Hoffnung ist etwas für Träumer und Jugendliche. Ich habe Erinnerungen. In meinem Alter ist das sicherer, als Pläne zu schmieden.« (Seite 36)

Marie-Sabine Roger lässt diesmal Jean-Pierre erzählen. Der griesgrämige Rentner liegt mit allerhand Knochenbrüchen und anderen Folgen seines Unfalls im Krankenhaus und so hilflos zu sein, behagt dem allein lebenden alten Mann gar nicht. Am liebsten würde er einfach nur seine Ruhe haben, um seine Memoiren zu schreiben. Aber Ruhe ist ihm nicht vergönnt. Vor allem die junge Patientin – pummelig und nicht besonders hübsch –, die jeden Tag bei ihm vorbeischaut, um ihm frech den Laptop zu stibitzen, geht ihm auf die Nerven. Bis Jean-Pierre mehr über sie erfährt.
Am schlimmsten ist für ihn aber, dass sein Retter, der junge Student Camille, seinen Körper verkauft, um sich eine Unterkunft leisten zu können. Jean-Pierre weiß nicht, wie er damit umgehen soll und springt mit Anlauf in sämtliche Fettnäpfchen.

»Ich steuere still und langsam auf jenes Greisenalter zu, das ganz im Gegensatz zum konsumträchtigen, von den Medien umschmeichelten Seniorenalter keinen mehr interessiert, außer Augenärzte, Zahnärzte und Dekubitusmatratzenverkäufer. Die Blumenhändler nicht zu vergessen. Und die Totengräber natürlich, um den Reigen abzuschließen.« (Seite 84)

Aber obwohl ihm die beiden eigentlich völlig egal sein könnten – immerhin sind sie Fremde und Jean-Pierre hat sich nie um andere Menschen geschert – beginnt er, über sie nachzudenken, sie kennenzulernen, mehr über sie wissen zu wollen. Zwei junge Menschen, die scheinbar keinen guten Start ins Leben hatten, bringen Jean-Pierre dazu, sein eigenes Leben zu überdenken, umzudenken, neue Wege einzuschlagen.

»Uropa war einfach ein Griesgram, ein alter Nörgler. Ich muss wohl seine Gene geerbt haben. Ich bin genau wie er, mein Herz leidet an Verstopfung.« (Seite 144)

Was mich neben der berührenden und mit kleinen Weisheiten gespickten Geschichte am meisten bewegt hat, ist Marie-Sabine Rogers gewohnt locker-leichter und gleichzeitig poetischer Schreibstil, den man auch aus ihren anderen Romanen kennt. Der Roman war an keiner Stelle langweilig, obwohl im Grunde genommen nicht viel passiert. Die ganze Zeit über liegt Jean-Pierre in seinem Krankenhausbett und denkt über sein Leben und seine ungebetenen Besucher nach. Trotzdem hatte sich der alte Griesgram ebenso schnell in mein Leserherz geschlichen wie Maëva und Camille, über die ich allerdings gerne noch etwas mehr erfahren hätte. Und die Auflösung der Geschichte hält auch noch ein paar herzerwärmende Überraschungen bereit.

Fazit

»Das Leben ist ein listiger Kater« ist wieder ein gelungener Roman aus der Feder von Marie-Sabine Roger, der insgesamt gerne noch etwas ausführlicher hätte sein dürfen.

8 Kommentare

  1. RoM sagt

    Bonjour, Moena.
    Jean-Pierre läßt mich an den alten Mann im fabulösen Filmwerk 'Amelie' denken. Allerdings nach dem Krankenhaus. Obschon allein, ist er das Scharnier seiner Umgebung.
    Ein Fundus-Griff noch…

    "Hoffnung wird im Verlauf der Jahre immer weiter kanalisiert. Trostlos wenn sie versickert. Aber das Leben birgt mehr als eine Hoffnung. Nicht daß sich hier Erfüllung besser finden ließe – das Arbeiten daran hält munter."
    (Elodie Jaedinier)

    bonté

  2. Pingback: Für die S(ch)atzkiste #212 – Das Leben ist ein listiger Kater | Das Bücherei

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