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[REZENSION] Susan Kreller: »Elefanten sieht man nicht«


Susan Kreller
Elefanten sieht man nicht

Carlsen
1. Auflage, 2012
E-Book
Seiten: 203
ISBN: 978-3-646-92379-7

Seit ihre Mutter starb, verbringt Mascha die Sommerferien bei ihren Großeltern. Normalerweise passiert in Barenburg nie etwas Aufregendes und Mascha beschäftigt sich meistens allein, weil sie nicht dazugehört. Aber in diesem Sommer ist alles anders, denn Mascha lernt Julia und Max kennen. Julia, die sich an die Musik auf Maschas MP3-Player klammert, und Max, der einen unsichtbaren Freund namens Pablo hat. Die Geschwister verbergen etwas Schlimmes, das weiß Mascha sofort. Als sie dann durchs Fenster einen Blick ins Haus der Brandners erhascht, ist ihr klar, dass sie ihnen helfen muss. Bei den Erwachsenen stößt Mascha allerdings auf taube Ohren. Niemand in der kleinen Siedlung will etwas davon wissen. Also kommt Mascha auf eine verhängnisvolle Idee.

»Auf einmal kam mir der Gedanke, dass man Menschen beschützen kann.«

»Elefanten sieht man nicht« ist eines dieser Bücher, die mir beim Lesen eine Gänsehaut bereiten, die noch lange über die letzte Seite hinaus anhält. Susan Kreller erzählt eine Geschichte, über die man nur den Kopf schütteln möchte – und die so in diesem Moment direkt nebenan passieren könnte.

Die Siedlung, in der Maschas Großeltern leben, ist klein, beschaulich und idyllisch. Jeder kennt jeden, jeder weiß alles über jeden – aber manche Dinge spricht man lieber nicht an. Alles, was die Nachbarschaftsidylle aus gepflegten Vorgärten und gemeinsamen Grillfeiern stören könnte, wird ausgeblendet oder schöngeredet.
Damit nimmt sich der Roman eines immer wieder aktuellen Themas an. So oft wird in den Medien von Kindern berichtet, die von ihren Eltern schlecht behandelt oder gequält werden, aber von den Nachbarn, die Tür an Tür mit den betreffenden Familien wohnen, will angeblich niemand etwas mitbekommen haben.

»Die Brandners würden das nie machen, nie würden die das machen, das sind angesehene Leute!«

Dieses Verhalten der Erwachsenen muss auch Mascha erleben. Ihre eigene Großmutter spielt alles, was Mascha an Julia und Max beobachtet, herunter und will über das Thema am liebsten gar nichts hören. Sie erklärt Mascha sogar, dass sie sich am besten aus den Angelegenheiten der Brandners heraushalten soll. Auch Maschas Großvater ist keine große Hilfe. Dabei scheint ihm das Schicksal der Kinder gar nicht so egal zu sein, auch wenn er die meiste Zeit dazu schweigt. Da aber von den anderen niemand etwas tut, unternimmt auch er nichts.
Nur Mascha ist anders. Sie kann das Unrecht, dass Julia und Max geschieht, nicht einfach so mit ansehen oder absichtlich übersehen. Sie will nichts anderes, als den Geschwistern zu helfen – und wird dafür von den anderen verachtet.

»Ich glaube, alles, was man tun kann, ist zwangsläufig ein wenig falsch.«

Mascha ist dreizehn, hat früh ihre Mutter verloren und ihr Vater versinkt in seiner Trauer, weshalb er sie im Sommer zu ihren Großeltern abschiebt. Damit ist es für alle am einfachsten, Mascha als impulsiven und unüberlegt handelnden Teenager abzustempeln, als Ruhestörer in der sonst so sauberen Nachbarschaft. Und dass Mascha den Geschwistern versprechen musste, mit niemandem über ihr Geheimnis zu reden, macht die Situation auch nicht einfacher.

Beim Lesen war ich hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, Mascha in Schutz zu nehmen, und dem Drang sie zu schütteln, weil das, was sie tut, keine Lösung sein kann. Ich hoffte die ganze Zeit, dass sie zur Vernunft kommen würde, und stellte mir gleichzeitig die Frage: Was hätte sie sonst tun sollen, wenn ihr niemand zuhören will?
Die Reaktionen der Erwachsenen machten mich genauso wütend wie Mascha, die den Leser als Ich-Erzählerin ihre Gedankengänge miterleben lässt. Sie erzählt in einem einfachen, für eine Dreizehnjährige sehr authentischen Stil und handelt aus dem Bauch heraus. In ihrer Naivität glaubt sie das Richtige zu tun und obwohl man als Leser nur entsetzt den Kopf darüber schütteln kann, muss man ihr doch auch eine ganze Menge Respekt zollen. Immerhin lässt sie sich nicht, wie beispielsweise ihr Großvater, vom Nichtstun der anderen beeinflussen.

»Aber für viele hier ist es das Einzige, was sie haben. Da passt nichts Dunkles hinein.«

»Elefanten sieht man nicht« erzählt eine bedrückende Geschichte über den Elefanten im Raum, den niemand sehen will, und über den Mut, etwas zu unternehmen, wenn es sonst keiner tut. Das Ende des Romans lässt den Ausgang der Geschichte offen, aber die Botschaft ist deutlich: Wenn sich – aus Angst, Bequemlichkeit oder Scham – niemand traut, das Richtige zu tun, ist es manchmal besser, etwas Falsches zu tun, als gar nichts.

10 Kommentare

  1. Wow, tolle Rezension, die das Buch sehr gut beschreibt und die Stimmung fasst.
    (Ich bin ein bisschen neidisch, dass meine Rezi nicht so schön ist :D) Ich freu mich sehr, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat, ich finde, es hat viel mehr Aufmerksamkeit verdient!
    Im Herbst erscheint übrigens ein neues Buch der Autorin!

    LG, Tine

    • Hui, ich danke dir! 🙂 Ich muss ehrlich gestehen, dass ich die Rezension auch drei- oder viermal umgeschrieben habe. Mit der ersten Version war ich auch so gar nicht zufrieden. Das mache ich sehr, sehr selten, aber wenn, dann bei solchen Büchern, die ernst sind und bewegen und bei denen ich das dann auch rüberbringen möchte.

      Kannst du mir den Titel des neuen Buches verraten? Oder gibt es da schon irgendwo Infos dazu? Ein neues Buch von Susan Kreller würde mich nach »Elefanten sieht man nicht« definitiv interessieren!

    • Nein, ich darf ihn leider noch nicht verraten. Die Autorin konnte ihn mir nur unter Vorbehalt nennen, weil sowas erst durch die Verlegerkonferenz muss. Ich hab sie extra gefragt, das darf quasi noch nicht an die Öffentlichkeit.

      Ich bin auch wirklich gespannt auf das neue Buch, ich weiß ehrlich gesagt auch gar nicht, wovon es handelt.

    • Ach sooo, das war eine Insiderinfo! Dann kann ich selbstverständlich warten. Ich dachte, das wäre schon offiziell und ich wäre nur zu doof zum Googeln. 😉
      Na dann können wir ja jetzt zu zweit gespannt sein.

  2. Deine Rezension ist super geschrieben, das habe ich schon beim Lesen mehrfach gedacht. Werde mal schauen, ob ich das Buch in der Bibliothek bekomme.
    Liebe Grüße,
    Julia

    • Danke! 🙂
      Bibliothek ist ja immer eine gute Idee. Sollte ein Buch dann doch wider Erwarten nicht das Richtige sein, braucht man sich wenigstens nicht ärgern.

  3. Oha!
    Na das klingt ja mal wirklich nach einem tollen und lesenswertem Buch..
    Ich glaube das wandert irgendwie gleich mal auf meine WiWaWunschliste 😀
    Danke dafür.

    Liebst, Lotta

    • Es ist auf jeden Fall lesenswert und sollte von der WiWaWunschliste (:D) ganz schnell wieder runter! Also um gelesen zu werden, natürlich. 😉

  4. RoM sagt

    Salut, Moena.

    "Elefanten vergessen nie. Sie türmen sich zu ruhenden Giganten auf – aber fürchte den Tag der die Rage Bahn bricht. Elefanten wissen."
    (Myrelle Minotier)

    Diesmal, ein Zitat ohne Vorgabe.

    bonté

    • Ob mit Vorgabe oder ohne – Zitate sind hier immer willkommen. Und der eine oder andere Autorenname ist ja auch schon gern gesehener Stammgast. 😉

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