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[REZENSION] Julie Sarkissian: »Liebe Lucy«


Julie Sarkissian
Liebe Lucy

Originaltitel: Dear Lucy
Atlantik
1. Auflage, 2014
Hardcover
Seiten: 384
ISBN: 978-3-455-60003-2

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Leider verhält sich Lucy nicht immer so, wie andere es von ihr erwarten. Deshalb lebt sie nicht bei ihrer Mutter, sondern auf der Farm von Mister und Missus, einem älteren Ehepaar. Hier lebt auch Samantha, ein schwangeres Mädchen und Lucys einzige Freundin. Als Samanthas Baby nach der Geburt verschwindet, verspricht Lucy, es zu finden – und sie wird ihr Versprechen halten, denn ein Versprechen darf man niemals vergessen. Mit ihrem frisch geschlüpften Hühnerküken Jennifer in der Tasche begibt sich Lucy deshalb auf eine abenteuerliche Suche, bei der sie nicht nur Samathas Baby und ihre eigene Mutter findet, sondern auch das schockierende Geheimnis der Farm.

Als mir »Liebe Lucy« ins Haus flatterte, war ich sehr gespannt auf das Buch. Der Klappentext hatte mich neugierig gemacht und auch das Cover fand ich in seiner Schlichtheit sehr ansprechend. Was sich hinter der unschuldig-weißen Eierschale versteckt, hat mich dann aber doch ziemlich überrascht.

»Wenn es vorher nichts war und jetzt etwas ist. Wenn du es nicht beobachten konntest, obwohl du es wolltest. Wenn du es nicht sehen konntest, obwohl du hingesehen hast. Das ist das Geheimnis des Wachsens.«

Der Roman lässt den Leser abwechselnd aus drei verschiedenen Perspektiven miterleben. Allen voran ist da natürlich Lucy, die mir innerhalb weniger Seiten ans Herz wuchs. Als Protagonistin ist sie ziemlich einzigartig, denn sie lebt in ihrer eigenen Welt und meistens fällt es ihr schwer, die Absichten oder auch nur das Gesagte anderer Menschen zu verstehen. Ihr selbst ›fehlen viele Wörter‹, weshalb sie ihre Gedanken meist auf einfachste Weise ausdrückt.
Besonders skurril, aber dadurch umso liebenswerter ist Jennifer, das Hühnerküken, das Lucy in ihrer Tasche bei sich trägt. In Gedanken unterhalten sich die beiden und Jennifer übernimmt dabei meist den Part der Vernunft, der Lucy so oft fehlt – und dann auch wieder das komplette Gegenteil.

»Wenn die ganze Welt voller Wörter ist, und du bist es nicht, möchtest du manchmal nur in dir drin bleiben, wo es ruhig ist.«

Neben Lucy kommen auch Samantha und Missus zu Wort. Samantha ist die einzige, die sich wirklich mit Lucy beschäftigt und sich so ausdrückt, dass Lucy sie verstehen kann. Sie ist ungewollt schwanger und dem Leser wird schnell klar, dass Samantha selbst Lucy gegenüber nie die ganze Wahrheit über ihre Vergangenheit erzählt. So kann man sich auch schnell zusammenreimen, warum Samantha vor der Geburt ihres Kindes auf der Farm lebt und weiß im Gegensatz zu Lucy, wohin ihr Baby verschwindet.

Mit »Liebe Lucy« ist Julie Sarkissian ein sehr außergewöhnlicher Debütroman gelungen, in dem kaum etwas so ist, wie es anfangs scheint. Lucy deckt auf ihrer Suche nach Samanthas Baby ein düsteres Geheimnis auf, ohne es selbst zu verstehen – ganz anders als der Leser. So kommt Lucy in Situationen, die mal amüsant, mal völlig schockierend sind und manchmal sogar beides gleichzeitig. Immer wieder wirft der Roman damit Fragen auf, deren Antworten unscharf und verschwommen bleiben: deutlich genug, um entsetzt zu sein, undeutlich genug, um sich das Schlimmste auszumalen. Obwohl man als Leser viel mehr versteht als Lucy, entsteht dadurch eine Spannung, die mich das Buch schon nach den ersten Kapiteln nicht mehr aus der Hand legen ließ.

Mit Lucy als Erzählerin muss man sich anfreunden. Ihr Erzählstil ist gewöhnungsbedürftig, sie wiederholt sich und denkt sehr einfach und kindlich, obwohl die Handlung des Romans alles andere als leichte Kost ist. Mir wuchs Lucy aber sehr schnell ans Herz. Ich mag ungewöhnliche Protagonisten und Erzähler, die die Welt anders sehen als die meisten Menschen, und die nicht ganz das sind, was wir allgemein als ›normal‹ bezeichnen. So habe ich es auch hier geliebt, die Welt durch Lucys Augen zu sehen und in ihre Gedankenwelt einzutauchen.

»Du kannst das Geheimnis des Wachsens nicht sehen, während es geschieht. Das ist ein Teil des Geheimnisses. Du kannst es erst sehen, wenn es vorbei ist, aber selbst dann geschieht es noch, es geschieht immer, es wird nie aufhören zu geschehen, und deshalb ist es das allerbeste Geheimnis, das es gibt.«

Am Ende ist »Liebe Lucy« eine erschreckende, aber gleichzeitig berührende Geschichte über die Bedeutung von Freundschaft, Familie und Zusammenhalt. Denn im Grunde ist jede der drei Protagonistinnen nur auf der Suche nach Familie, nach Glück, nach Geborgenheit. Jede aus ihrem eigenen Grund – und mit ihren eigenen Mitteln.

7 Kommentare

  1. Das muss ja gut sein, wenn schon ein EI auf dem Cover ist 😉
    Hach, du liest im Moment zu viele gute Bücher, auch das hier wird wohl wieder auf meine Wunschliste wandern, denn es schreit ganz laut "Ich bin ein Tine-Buch"!!!

  2. RoM sagt

    Salut, Moena.
    Ein Roman mit einem wunderbaren Fächer möglicher Themen; und ich kann mir Lucy, anhand Deiner Zeilen, bereits ausgeprägt vorstellen. Eine Donna Quijote, während Sancha Pancho, aus der Tasche lugend, mahnt.

    Du kennst den wunderbaren Film 'Mary and Max'?

    Weil extrem seltenst im TV zu sehen, noch eine dicke Empfehlung für 'Ein Engel An Meiner Tafel' * – über die Schriftstellerin Janet Frame.

    bonté

    * Mai 12 / arte / 20.15

    • Deine Interpretationen bzw. Beschreibungen deiner Vorstellungen sind immer wieder ein Genuss. Vielen Dank für das gelungene Kopfkino! 😀

      "Mary and Max" kenne ich bisher nur dem Titel nach. Ich danke für die (damit gleich doppelte) Filmempfehlung!

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