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[REZENSION] Christian Eisert: Kim & Struppi – Ferien in Nordkorea

Ein Gastbeitrag von PhanThomas.


Christian Eisert
Kim & Struppi – Ferien in Nordkorea

Ullstein, 2014
E-Book
320 Seiten
ISBN: 978-3-8437-0702-2

Es gibt so Dinge, die man im Leben mal gemacht haben sollte, bevor eines Tages der Deckel auf die Holzkiste kommt: Aronal und Elmex verwechseln beispielsweise, eine Vollkaskoversicherung abschließen und dann blind rückwärts einparken, oder in der laufenden Hotelzimmerdusche kalte Cola trinken (Check!). Wer seine Liste bereits durch hat, oder für wen all das kalter Kaffee ist, der könnte mal so was Verrücktes machen wie Ferien in Nordkorea. Der TV-Autor und Satiriker Christian Eisert hat sich diesen kleinen Traum erfüllt und seine Erlebnisse in einem bunten Büchlein mit dem lockerflockigen Namen »Kim & Struppi — Ferien in Nordkorea« niedergeschrieben.

Alles fängt 1988 in Ostberlin an. Als an Eiserts Schule eine nordkoreanische Delegation zu Besuch kommt, hört er von einer großen regenbogenfarbenen Wasserrutsche, die der »Große Führer« Kim Il-sung für die Landeskinder errichtet haben soll. Der Gedanke an die Wasserrutsche bleibt hängen, und 25 Jahre später ist es so weit: Zusammen mit seiner Bekannten, der Journalistin Thanh Hoang, gebürtige Vietnamesin und Kratzbürste vom Dienst, besucht Christian Eisert das abgeschottete Land für eine ausgiebige Sightseeing-Tour und natürlich, um die Rutsche endlich sehen zu können. Dabei fangen die Querelen schon vor der Reise an: Fernsehleute und Journalisten sind in Nordkorea nicht gern gesehen, also werden erst mal Biographien gefälscht, Testamente geschrieben, und aus Thanh wird Sandra Schäfer.

In Pjöngjang, der Hauptstadt des kommunistischen Nordkorea, erwarten die beiden all die Klischees und Kuriositäten, von denen Ausländer sonst nur aus Zeitungen und Fernsehdokumentationen erfahren: autofreie Straßen, dafür viele Fahrräder und Menschen in bunten Gummistiefeln vor einer Kulisse aus Plattenbauten. Strom, Warmwasser oder Heizung gibt es kaum, dafür sind permanente Überwachung sowie der für Außenstehende völlig bizarre Führerkult um die Kim-Familie allgegenwärtig. Die einzelnen Besichtigungsstationen der Reise sind straff durchorganisiert: Eisert und Hoang, ähh, Schäfer werden unter der Führung der nordkoreanischen »Guides« Chung und Rym, sowie Busfahrer Herr Pak von einer Sehenswürdigkeit des Landes zur nächsten gescheucht. Auf eigenständige Erkundungstour darf in Nordkorea kein Tourist gehen. Der Kontakt zu Einheimischen ist nahezu verboten, und bei all dem Reisestress, der überall sichtbaren Armut und den täglichen Entbehrungen kriegen die beiden ungleichen Protagonisten (Eisert ist Mitte 30, trinkt weder Bier noch Kaffee, raucht nicht, Hoang ist Ende 40, so kaffee- wie nikotinsüchtig und explosiv wie Nordkoreas Atomprogramm) sich zunehmend in die Wolle. Über allem thront immer das eine große Ziel: Endlich die regenbogenfarbene Wasserrutsche sehen.

»Kim & Struppi – Ferien in Nordkorea« ist kein bierernstes, kritisches Buch, wie ja Cover und Titel bereits vermuten lassen. Ein amüsantes Buch über ein Land zu schreiben, in dem Repressalien gegen die eigene Bevölkerung zum Alltag gehören, in dem Menschen verhungern, während die oberen Chargen teuren Cognac trinken wie Wasser, ist eine schwierige Gratwanderung. Diese ist Christian Eisert aber wunderbar gelungen. Der amüsante Erzählstil lädt zum Schmunzeln ein, ohne je geschmacklos zu wirken, und vor allem begeht der Autor nicht den Fehler, das Land Nordkorea ausschließlich politisch und moralisch zu betrachten (was er richtigerweise aber auch hier und da tut). Vielmehr lässt er Eindrücke wirken und entlockt so den vielen bizarren Situationen jene Menschlichkeit, die man in diesem Land nicht vermuten würde. Da sind Herr Rym und Herr Chung, die hier und da ihre eigenen kleinen Wünsche durchblicken lassen, die auch mal einen Abend an der Bar versaufen und laut singen. Da tanzt der Erzähler schon mal mitten in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea, der gefährlichsten Gegend der Welt, mit einer kleinen Nordkoreanerin zu Michael Holms »Tränen lügen nicht«. Auch in Nordkorea leben, lachen und lieben also (fast) gewöhnliche Menschen. Menschen mit Hoffnungen, Sehnsüchten und Träumen. Und gerade aufgrund dieser tragischen Gegensätzlichkeit verlässt der Leser das Land wie auch die Protagonisten mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Wer sich allgemein für andere Länder und vielleicht sogar für Nordkorea im Speziellen interessiert, dem sei »Kim & Struppi« wärmstens ans Herz gelegt. Das Buch ist in mundgerechte Kapitel unterteilt, die sich – ahem – auch mal aufm Klo lesen lassen. Der Erzählstil wirkt nie schwergängig, das Buch hat für meinen Geschmack keine Längen. Und wer kennt’s nicht? Langweilige Party, das Bier ist alle, die Musik blöd, keiner hat so recht was zu erzählen, und man denkt, Mensch, jetzt ein paar Fakten zu Nordkorea, das wär doch was! Man lernt beim Lesen nämlich auch Einiges, ohne langweilige Wikipedia-Artikel lesen zu müssen. Warum die Nordkoreaner trotz ihrer Rückständigkeit ein so stolzes Völkchen sind zum Beispiel, wie viele oder wenige Frisuren es für Normalsterbliche gibt, weshalb die Führer des Landes alle Kim heißen und dass Blumengestecke und Raketen sich nicht ausschließen müssen. Was der »Struppi« im Titel zu suchen hat, wird natürlich auch aufgelöst. Und was ist mit der Regenbogenrutsche? Tja, das verrate ich hier nicht. 

Eine Anmerkung noch zum (etwas teuren) E-Book: Am Ende des Buches gibt es Bilder. Diese sind auf handelsüblichen E-Readern naturgemäß leider nur sehr schlecht zu erkennen. Ansonsten gibt es nichts zu meckern. Und jetzt ab unter die Dusche zum Cola trinken, und dann Buch kaufen!

4 Kommentare

  1. RoM sagt

    Servus, PhanThomas.
    Anmerkenswerte Globetrotter-Einblicke…
    …hoffentlich hat sich der Verlag auch die Erlaubnis erbeten die "Sonne von Kosmos" überhaupt erwähnen zu dürfen. Auf der schnöden Erde weilende "Überwesen" können da bisweilen etwas magensäuerlich reagieren.

    Grundbedürfnisse werden überbewertet, wenn doch jede erdenkliche Freigibigkeit in den Punkten "Totalüberwachung", "Führeranbetung" & "repressiver Sippenhaft" geboten ist. Quasi als WLAN/Flatrate-Kombi für lau.
    Wenn sich hier dann noch die Menschlichkeit bewahrt hat – es besteht Hoffnung auf ein Recycling überflüßiger Führerstatuen!

    Was die farbige Rutsche angeht – darf ich raten? Vom Typen mit dem Sonnenschaden selbst bei ikea konfisziert und beidhändig zusammengeschraubt…

    bonté

    • Also das mit der Rutsche ging dann doch etwas anders aus, so viel sei verraten. Ob der Verlag die Erlaubnis bekommen hat … ich wage es mal zu bezweifeln, zumal der Autor bekannte, seit Veröffentlich das Gefühl zu haben, beschattet zu werden. Wundern tät’s mich nicht. Hoffen wir mal, er wacht nicht eines Tages wieder in seinem Urlaubsdomizil auf. Er wäre ja nicht der erste, der portofrei, dafür aber wenig freiwillig ins Land der Kims überführt wird. (Auch dazu wird im Buch einiges erwähnt, das aber zumindest dann bekannt ist, wenn man sich ein wenig für die Godzilla-Anekdoten interessiert.)

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