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Rezension: Die Liebe zu so ziemlich allem (Christine Vogeley)


Christine Vogeley
Die Liebe zu so ziemlich allem

Droemer Knaur
Hardcover
1. Auflage, 2014
464 Seiten
ISBN 978-3-426-65347-0

Ich danke dem Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars.

»Die Liebe zu so ziemlich allem« von Christine Vogeley ist eines der Bücher, die mir normalerweise wohl nie in die Hände gefallen wären, hätte nicht der Zufall seine Finger im Spiel gehabt. In der Buchhandlung hätten mich wahrscheinlich weder das Cover noch der Klappentext besonders angesprochen und ein Museum klang nun auch nicht gerade nach dem spannendsten Setting. Vor Kurzem erhielt ich dann aber eine E-Mail, in der mir das Buch zur Rezension angeboten wurde, und diese Mail enthielt nicht nur den Klappentext und das Buchcover, sondern auch den kleinen Leo und die Aufforderung ›Retet die Waale‹ auf seinem Schulranzen. Da war es um mich geschehen, denn ich witterte eine Geschichte mit liebenswerten Figuren, über die ich mehr wissen wollte. Und obwohl »Die Liebe zu so ziemlich allem« nicht ganz in mein übliches Leseschema fällt, hat es mich in dieser Hinsicht nicht enttäuscht – interessante und liebenswerte Figuren gibt es hier wirklich genug.

Carlotta Goldkorn ist Kuratorin eines Museums der etwas anderen Art: Im Fichtelbacher Gayette-Museum stehen wahre Kunstschätze neben Exponaten aus dem Kaugummiautomaten und die lebensecht wirkenden Puppen dazwischen sind den Besuchern längst ans Herz gewachsen. Ein für die nächste Ausstellung geliehenes Gemälde setzt allerdings eine Kettenreaktion aufwühlender Geschehnisse in Gang, die mehr als nur Carlottas ruhiges Leben durcheinanderbringen. Nicht nur, dass sich Carlotta Hals über Kopf in den sympathischen Schweden Gösta Johansson verliebt. Gemeinsam mit ihm begibt sie sich auch auf eine Reise in seine Heimat und deckt Geheimnisse auf, die noch weiter reichen als die Kellergewölbe unter dem Museum.

»Manchmal trifft man einen Menschen, in dessen Gegenwart man mehr erzählt, als man eigentlich will. Wahrscheinlich, weil man spürt, dass es am richtigen Platz ist.«

In »Die Liebe zu so ziemlich allem« ist der Titel Programm. Ein Roman über ein ungewöhnliches Museum, gleich mehrere talentierte Künstler, Eltern, Kinder und deren Probleme und einen Kunstfälschungsskandal der etwas anderen Art – zu viel für ein einziges Buch? Mitnichten. Christine Vogeley gelingt es, all diese Fäden zu einer dichten Leinwand für ihre Geschichte zu verweben, ohne einen davon aus den Augen zu verlieren. Für bunte Farbkleckse sorgen dabei ein flüssiger Schreibstil, ein gekonnter Ausgleich zwischen Humor und Gefühl und ein Museum, das vor den Augen des Lesers lebendig zu werden scheint. Und natürlich die Liebe in ihren vielfältigen Variationen, die das Leben aller Beteiligten auf unterschiedlichste Weise aus den Fugen geraten lässt.

Die meisten Charaktere wuchsen mir beim Lesen wirklich sehr schnell ans Herz, insbesondere die Kinder Leo, Jule und Nils, die unbemerkt von den Erwachsenen mit ihren ganz eigenen Problemen kämpfen, aber auch Lovisa, deren Tagebucheinträge mich seitenweise ans Buch fesselten. Dagegen hätte ich die eine oder andere Szene zwischen Carlotta und Gösta gerne übersprungen, da mich die beiden zumindest am Anfang eher langweilten, obwohl sie mir ebenfalls nicht unsympathisch waren.

Dementsprechend brauchte das Buch etwa hundert Seiten, bevor es mich richtig gepackt hatte. Zu viel Spannung kam aber auch dann nicht auf und den Kunstskandal gegen Ende hatte ich mir etwas spektakulärer vorgestellt. Es waren viel mehr die Emotionen und das Mitfiebern mit den lieb gewonnenen Protagonisten, die mich gefangen nahmen. Christine Vogeley gelingt es, Charaktere zu erschaffen, die ich in den Arm nehmen und trösten oder auch einfach mal kräftig schütteln wollte, damit sie zur Vernunft kommen. »Die Liebe zu so ziemlich allem« ist nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Carlotta und Gösta, sondern auch die Verbindung von Erwachsenen und Jugendlichen, zwischen denen die Kommunikation nicht immer einfach ist; die Liebe innerhalb der Familie, die stärker ist, als jedes andere Gefühl und gerade deshalb manche Dinge so schwierig macht. Gleichzeitig müssen alle Figuren des Romans lernen, wie wichtig es ist, man selbst zu sein und zu den eigenen Vorlieben, Gedanken und Gefühlen zu stehen.

»Ein ›Wir‹ kann in die Seele schneiden, wenn man weiß, man selbst ist nicht mehr gemeint.«

Fazit
»Die Liebe zu so ziemlich allem« ist eine gelungene Mischung aus Humor und Herz, Spannung und Ruhe, Liebe und Familienproblemen. Eine Geschichte, in der sich vieles entdecken lässt – wie in einem alten Gemälde. Oder im Museum von August Gayette.

2 Kommentare

  1. Dia dhuit, Moena.
    Beginne ich mit einem Lob für das Buch-Portaitfoto – farblich, wie von der Struktur des Hintergrunds* ein weit ausgeholter Volltreffer. Überzeugt!

    Scheinbar sind es die Nebenfiguren, die ihre Nebenbühne zur Hauptbühne umzaubern. Auch nicht schlecht eingefügt, zumal wenn die eigentlichen Protagonisten dem Rechnung tragen.

    Ein Zitat sucht hier nach Replik…

    "Das Buch seines Lebens und seiner Gedanken zu öffnen gleicht dem Ruhen in einer gefundenen Oase. Tröstend der Schatten, aufmunternd der Nektar des Quells."
    (Gaelle Mutin-Mutisme)

    Und weil es sich ergibt – noch eines:

    "Jede Kette beginnt mit dem ersten Glied, wenn individuelle Persönlichkeit dem "Wir" einverleibt zu sein hat."
    (Saoirse O'Boinor)

    bonté

    *wirkt in etwa wie die Felsstruktur in der Nähe der antiken Stadt Petra

    • Schön, wenn schon das Buchfoto überzeugt! Den Hintergrund wirst du demnächst auch gleich noch einmal bewundern können, da war ich nämlich unheimlich kreativ beim Fotoshooting … Allerdings passt der Hintergrund – ebenso wie deine Assoziation – besser zum zweiten Buch. Das hier war eher ein Ich-will-kein-langweiliges-Buch-auf-Tisch-Foto. 😉

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