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Rezension: back to blue (Rusalka Reh)


Rusalka Reh
back to blue

Magellan, 1. Auflage 2015
Hardcover
208 Seiten
ISBN: 978-3-7348-5606-8

Ich danke dem Verlag für die Zusendung des Leseexemplars.

Eine glückliche Familie, in der man über vieles reden und gemeinsam lachen kann – für die meisten Kinder und Jugendlichen ist das völlig normal. Wie es sich aber anfühlt, wenn Eltern ihrem Kind die Flügel stutzen, statt es beim Flüggewerden zu unterstützen, zeigt Rusalka Reh mit ihrem Roman »back to blue«.

Kid ist sechzehn und zum ersten Mal verliebt. Damit könnte ihr Leben gerade eigentlich perfekt sein, wären da nicht ihre Eltern oder ›das Duo‹, wie sie die beiden nennt. Statt elterlicher Liebe ist Kid gewöhnt an Spott, Zurechtweisungen und sogar körperliche Übergriffe. Zuhause macht sie sich deshalb am liebsten unsichtbar, versteckt, was sie liebt und was ihr Spaß macht – aus Angst, dass man es ihr nehmen oder zumindest schlechtreden könnte.

»Lieben Mütter ihre Kinder? Von Natur aus? So was wird doch immer behauptet! Dass die Frauen dann irgendwelche Hormone ausschütten, die sie ihre Kinder lieben lassen, egal, wie schrecklich sie sind. Wie schrecklich muss ich eigentlich sein, wenn dieses Hormon bei meiner Mutter gar nicht erst produziert worden ist?«

Anvertrauen kann sich Kid nur ihrem Tagebuch, durch das sie den Leser ihre Geschichte verfolgen lässt. In meist authentischem, jugendlichem Stil gibt Kid Momentaufnahmen und Erlebnisse wieder, ungefiltert und impulsiv, wie es einem Mädchen in Kids Alter entspricht. Einen Kontrast zu den kurzen Erzählpassagen bilden Kids Gedichte, die zum Nachdenken und Interpretieren einladen und mit denen ich meist mehr Zeit verbrachte als mit dem Rest des Buches. Hier verpackt die Erzählerin ihre Gefühle in anspruchsvolle Lyrik, an deren Zeilen sie feilt, bis sie so perfekt sind, wie ihr Leben es eben nicht ist.

»Ich will hier raus. Ich bin Gefangene in einem miesen Theater. Und die Hauptakteure haben Macht über mich und führen auch noch Regie.«

Auf bedrückende und beunruhigende Weise schreibt Kid so über ihre Probleme, die sie mal als solche erkennt, mal herunterspielt oder an denen sie sich gar selbst die Schuld gibt. Als Leser lief es mir oft genug kalt den Rücken runter, wenn Kid von Demütigungen oder körperlichem Schmerz spricht, als wären sie völlig normal und legitim. So ist Kids Erzählung ein Wechselbad der Gefühle zwischen zaghaften Befreiungsversuchen und resignierendem In-das-eigene-Schicksal-fügen, aus Furcht vor der Gewissheit, dass etwas nicht stimmt, dass sie tatsächlich Hilfe braucht.

»Sie versuchen wirklich, mich kaputt zu machen. Und keiner merkt was. Denn es sieht gut aus bei uns.«

Glücklicherweise ist Kid jedoch nicht allein. In Maxims Armen kann sie sich fallen lassen, für den Moment ihre Deckung vergessen, reden, lachen, träumen. Vor allem von der gemeinsamen Freiheit. Denn auch Maxim fühlt sich gefangen in einem Leben, das von seiner Mutter bestimmt wird und das alles andere ist als das, was er sich wünscht. Maxims Liebe ist eine völlig neue Erfahrung für Kid, die bisher nur das Gefühl kannte, unwillkommen, nicht gut genug und damit scheinbar nicht liebenswert zu sein. Unterstützung erhalten die beiden von außen. Erst dadurch lernt Kid, die zu Hause stets den Kopf einziehen muss, langsam ihre Flügel auszubreiten. Doch zum Fliegen braucht es noch eine ganze Menge Mut.

»Man titelt: Wo bleibt der Sommer? Die dummen weißen Schafe warten herdenmäßig auf Sonne. Brainwash. Von klein auf trichtern dir alle ein, was schönes Wetter ist und was nicht. Ich entscheide das selbst. Ich liebe ihn, diesen Sommer, so wie er ist. Er sieht aus wie meine nach außen geklappte Seele.«

Bei aller Liebe zu Rusalka Rehs Roman und dem wichtigen Thema, das die Autorin damit anzusprechen wagt, habe ich doch auch einige Kritikpunkte. Neben Kids zeitweise fast schon nerviger Naivität erschien mir der Schreibstil teilweise zu gewollt jugendlich, mit Worten, die vielleicht vor zehn Jahren ›in‹ gewesen sind, die aber heute sicher keine Sechzehnjährige mehr benutzt. Auch die Tatsache, dass Maxim und Kid nicht nur beide lyrisch begabt sind, sondern offenbar auch dieselbe Art von Gedichten schreiben, scheint mir doch ein ziemlich großer Zufall zu sein, zumal die Gedichte für Jugendliche sehr perfekt formuliert und durchdacht sind. Zu guter Letzt konnte mich auch das Ende des Romans nicht restlos überzeugen, denn die Lösung wirkt auf mich sehr realitätsfern. Außerdem sind es letztendlich die helfenden Hände, die Kid in die Luft heben, statt sie aus eigener Kraft in die Freiheit fliegen zu lassen. Hier hätte ich mir eine stärkere Kid gewünscht, die endlich aufsteht und sich aktiv gegen die Unterdrückung durch ihre Eltern wehrt.

Fazit

Rusalka Reh ist ein Roman gelungen, der ein oft ignoriertes Thema anspricht, betroffen macht und mitfühlen lässt, ohne dabei kitschig zu werden. In »back to blue« geht es um mehr als nur um eine erste Liebe. Es geht vor allem um die Liebe zur Freiheit und zu den eigenen Träumen. Kurz: Um die Liebe zum Leben, wie es sein sollte.

7 Kommentare

  1. Hallöchen,
    das Buch hatte mich schon in der Vorschau absolut angesprochen, aber irgendwie konnte ich mich nicht dazu durchringen es auch zu lesen. ich kann dir nicht genau sagen warum. Deine Rezi ist wirklich toll geschrieben und ich glaube, dass das Buch auch etwas für mich sein könnte. Vor allem finde ich natürlich dieses Cover unglaulich toll! 😀

    Liebst, Lotta

    • Ui, danke dir. 🙂 Mir ging es mit dem Buch ganz ähnlich wie dir: Ich hatte es kurz angeschaut, den Klappentext für interessant befunden und das Buch dann aber auch wieder vergessen. Bis ich es dann ganz überraschend vom Magellan Verlag zugeschickt bekam, damit hat mich das Buch quasi zu meinem Glück gezwungen. 😀 Wenn man Tagebuchromane und Gedichte mag und kein Problem mit ein bisschen Jugendsprache hat, ist es auch ein wirklich schönes Buch, über das man noch eine Weile nachdenken kann. 🙂

  2. RoM sagt

    Feinen Sonntag, Moena.
    Ungefragt werden wir ins Leben befördert & müssen uns dann mit den vorgefundenen Eltern arangieren. Glück wenn sie normal ticken – alles andere ist für eine Vielzahl der Dinge verantwortlich, die in der menschlichen Geschichte falsch liefen/laufen/laufen werden. Wenn indoktrinierte Grundschulkinder bereits anderen den Genozid androhen, braucht man/frau sich über eine globale Entmenschlichung nicht verwundert die Augen reiben. Dogmen sind schlicht die Antimaterie des empathiefähigen Denkens.
    Denke ich…

    "Be brave using your given mind, your true heart – for no god or leader should take over."
    (Saoirse O'Boinor)

    Klingt jetzt hoffentlich nich allzu nach AStA-Workshop… 🙂

    bonté

    • »Mit den vorgefundenen Eltern arrangieren« ist eine sehr treffende Beschreibung. Wenn ich solche Bücher wie »back to blue« lese, weiß ich mein eigenes Elternhaus auch immer gleich wieder etwas mehr zu schätzen. Ob manche Dinge in der menschlichen Geschichte wohl anders verlaufen wären, wenn die eine oder andere handelnde Person ein besseres Elternhaus erlebt hätte? Interessanter Aspekt. Eltern haben da eine ziemliche Verantwortung auf ihren Schultern, wie mir scheint.

    • RoM sagt

      …wobei ich die Eigenverantwortung des erwachsen werdenden Einzelnen nicht minder als wichtig erachte. Ein mieses Elternhaus mag manches erklären – rechtfertigt aber nichts.
      Mit Trezza Azzopardis "Das Versteck" hätte ich einen Lesetip, diesbezüglich.

      bonté

    • Aber wo fängt diese Eigenverantwortung an? In welchem Alter? Kann man Verantwortung fürs eigene Erwachsenwerden übernehmen lernen, wenn schon in den ersten Jahren zu viel schief läuft? Wenn auch von außerhalb keine positiveren Einflüsse kommen? Da sind wir wieder bei der Henne-Ei-Frage, aber Hühnereier sind hier ja sehr gern gesehen, wie du weißt. 😉

      Den Lesetipp schaue ich mir gleich mal an. Danke dir!

    • RoM sagt

      …meine Perspektive ist, daß ja nicht jeder Mensch zum Charakterschwein wird, wenn die Kindheit gegen eine Wand gefahren wurde. Zumal das Gegenteilige nicht minder selten bleibt. Mit eine Frage der Persönlichkeit.

      Du stellst die Frage nach dem "Wann"-Zeitpunkt; ich denke wann immer ich anderen bewußt Leid zufüge oder sie ungerecht behandle. Dann sollten bohrende Fragen nicht mehr hinten angestellt sein.

      bonté

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