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Rezension: »Die Küche ist zum Tanzen da« (Marie-Sabine Roger)

Rezension zu »Die Küche ist zum Tanzen da« von Marie-Sabine Roger im Atlantik Verlag

Es gibt nur sehr wenige Autoren, von denen ich jeden neu erschienenen Roman sofort kaufen würde, ohne vorher zumindest einen kurzen Blick auf den Klappentext geworfen zu haben. Marie-Sabine Roger ist eine davon. Seit »Das Labyrinth der Wörter« mich vor fünf Jahren schon nach wenigen Seiten in seinen Bann gezogen hatte, fand auch jedes neue Werk von ihr einen Platz in meinem Regal und in meinem Leserherz.

Auch ihr neuestes Buch »Die Küche ist zum Tanzen da«, das vor ein paar Monaten im Atlantik Verlag erschienen ist, lockte mich wieder mit dem hübschen weißen Cover, enthält aber im Gegensatz zu seinen Vorgängern keinen zusammenhängenden Roman, sondern vierzehn einzelne Kurzgeschichten. Darin sorgt ein Findelkätzchen für die Verwandlung seiner schüchternen Besitzerin, zwei Engel bringen einer Frau das Fliegen bei und eine Tür zwischen zwei Gärten eröffnet viel mehr als nur den Blick auf das Gras dahinter. Aber kann Marie-Sabine Roger damit genauso überzeugen wie in der Langform?

Marie-Sabine Roger »Die Küche ist zum Tanzen da« Inhalt Kurzgeschichten

Anders und anders gut

In ihren Romanen wie »Der Poet der kleinen Dinge« und »Heute beginnt der Rest des Lebens« begeistert Marie-Sabine Roger vor allem durch auf die eine oder andere Art ungewöhnliche Protagonisten, die im Laufe vieler Kapitel eine Entwicklung durchmachen müssen, um am Ende ihr persönliches Glück im Leben zu finden – kurz: durch Geschichten, die unserem eigenen Glücksstreben meistens nicht ganz unähnlich sind. Ich liebe sowohl die skurrilen und schrulligen Charaktere als auch ihre Erlebnisse auf dem Weg durch die amüsant und einfühlsam erzählten Geschichten.

In der Kürze der kleinen Episoden in »Die Küche ist zum Tanzen da« bleibt für eine derartige Entwicklung aber kaum Platz. Vielmehr zeigen sie dem Leser kurze Momentaufnahmen aus dem Leben ihrer Protagonisten; in aller Kürze lernt man Menschen kennen, erhascht einen Blick auf ihre Lebenswelten, lauscht ihren Gedanken und Gefühlen, aber auch Sorgen, Ängsten und Wünschen. Es sind kleine Alltäglichkeiten, von denen Marie-Sabine Roger erzählt. Es werden Geburtstage und Hochzeiten gefeiert, Umzüge organisiert, neue und alte Lieben gepflegt. Gerade dadurch wurden die Texte für mich greifbar, die Figuren zu Bekannten.

»Endlich jemand, mit dem ich reden kann, der mir nie widerspricht, dem ich alle meine Geheimnisse anvertrauen kann, sogar die, die ich erfunden habe …«

aus der Geschichte »Murphys Gesetz«, S. 35

Die wenigen Geschichten, die ihre Protagonisten dennoch eine stärkere Veränderung durchmachen lassen wie etwa die zweite Erzählung »Murphys Gesetz«, empfand ich im Vergleich hier sogar als weniger gelungen. Die Handlung erschien mir darin zu sprunghaft und zu krampfhaft um eine Aussage bemüht. Glücklicherweise sind diese Texte die Ausnahme. Wesentlich besser gefielen mir die Geschichten, die die kleinen Momente festhalten, über die man mal den Kopf schütteln, mal Mitleid empfinden und manchmal – wie in der letzten Geschichte »Die Theorie vom Hund auf dem Baum« – auch einfach ungläubig die Stirn runzeln kann.

»Sieht sie denn nichts? Wirklich nichts?
Oder ist das der Preis der Liebe? Aber warum liebt sie sie denn nur so sehr?«

aus der Geschichte »Éliette und Léonard«, S. 9

Die Figuren selbst hat die Autorin wie immer interessant und detailliert gezeichnet, sodass man auch in der Kürze der Geschichten das Gefühl hat, den Menschen oder zumindest eine Seite von ihm persönlich kennenzulernen. So werden die einzelnen Texte auch nie langweilig. Im Fall von »Éliette und Léonard« habe ich die Geschichte inzwischen so oft gelesen, dass sich die beiden nicht nur wie ein echtes altes Ehepaar, sondern auch fast wie Familienmitglieder anfühlen.

Marie-Sabine Roger »Die Küche ist zum Tanzen da« Anfang »Es wird nie dunkel in der Stadt«

Von Alter, Beziehungen und anderen Handicaps

Thematisch kreisen viele der vierzehn Kurzgeschichten um das Alter und das Altwerden, das die Protagonisten auf ganz unterschiedliche Weise wahrnehmen. Während es für den einen das Ende bedeutet, fängt für den anderen das Leben mit dem Renteneintritt oder dem Einzug ins Altersheim erst an.

Durch diese verschiedenen Nuancen der Betrachtung lassen die Geschichten auch dem Leser viel Raum für eigene Gedanken und das Nachdenken über die eigenen Sichtweisen. Wie wollen wir selbst alt werden, worauf wollen wir zurückblicken können? Und was bedeutet das Altwerden für uns? Sehen wir es als Feind, der uns die Gesundheit raubt und uns Tag für Tag mehr dem Ende unseres Lebens entgegenführt, oder begrüßen wir es als Freund, der uns neue Freiheiten schenkt, die wir als junger Mensch mit Familien- und Arbeitspflichten vielleicht nicht haben? Und wie gehen wir selbst mit älteren oder auch kranken Mitmenschen und Familienmitgliedern um? Besuchen wir sie zu selten, sollten wir uns öfter einfach mal mit ihnen unterhalten? Ist es vielleicht manchmal gar nicht so sehr das Wie, sondern viel mehr das Dass, auf das es ankommt?

»Man muss Leiden nur benennen, und schon nehmen sie allen Raum ein. Schon verschwinden die Menschen hinter ihnen. Man wird zu einem Diabetes, einer Osteoporose, einem Tumor. Zu einer Diagnose.
Einer Prognose.«

aus der Geschichte »Teerose«, S. 128

Schwarz und Weiß und das Dazwischen

Die kurzen Geschichten zeigen uns, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Die Küche kann ein Ort der Arbeit sein, aber ebenso gut ein Ort der Familie, der Freude und des Tanzens. Genauso geht das Buch mit Themen wie Alter, Krankheit und unterschiedlichsten Beziehungen um: Alles liegt im Auge des Betrachters, des Lesers.

So wirken die Geschichten insgesamt etwas ernster und nachdenklicher als die Romane der Autorin, aber auch in »Die Küche ist zum Tanzen da« gibt es neben dem locker-frechen, trotzdem einfühlsamen Schreibstil immer wieder Momente und Sätze zum Schmunzeln, sodass es nie zu bedrückend wird. Dazu tragen auch die überraschenden Schlusspointen bei, welche die Sicht des Lesers oft plötzlich noch einmal erweitern oder sogar völlig umkehren, sodass sich innerhalb weniger Sätze ein neues Gesamtbild ergibt. Mit den Kurzgeschichten ist es also wie mit dem Leben selbst: Der erste Eindruck kann täuschen. Und vieles wird uns erst klar, sobald wir uns einmal damit beschäftigen.


Marie-Sabine Roger
Die Küche ist zum Tanzen da

Die Geschichten erschienen im Original in den Bänden »Les encombrants«, »Il ne fait jamais noir en ville« und »La théorie du chien perché«

übersetzt von Claudia Kalscheuer
Atlantik, 1. Auflage/2016
Hardcover
190 Seiten
ISBN: 978-3-455-60028-5

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weiterführende Links:

Verlagsseite mit Leseprobe zu »Die Küche ist zum Tanzen da«
Zum Reinlesen: Die erste Kurzgeschichte »Éliette und Léonard« als E-Book
Leseempfehlung: »Das Labyrinth der Wörter« (Rezension)

2 Kommentare

  1. Salut, Moena.
    Dem Wetter herbstelt es ein wenig…(*)

    "Leseschätzen ist die Pflege wichtig, weil literarischer Schönheit, die Ignoranz wie ein Schlag wirkt."
    (Evangeline Dahrtóbe)

    Erzählungen – die literarische Form mit einem schweren Stand aud dem hiseigen Markt – sind idealerweise wie ein Gang durch die Straßen unbekannter Orte. Man/frau geht vorbei an Menschen, die alle ein Leben zu eigen haben(**). Einzelheiten, von denen es sicht zu erzählen lohnen könnte.

    Menschen als Individuen (selbst innerhalb eines Klischees) erschreiben zu können ist eine vortreffliche Gabe, denke ich. So wird eine Geschichte zum Fernglas in Händen des jeweiligen Lesers; beobachtend, teilnehmend aber nicht involviert.

    Ich denke das (sog.) Alter ist ein uns unbekannter Riese am Horizont, der – kommt er näher & näher – nicht nur kleiner, sondern auch vertrauter wird. Jede Phase im Leben hat ihre Zeit; weswegen der Jugendkult (alias "Ums Verrecken nicht alt erscheinen!")einen eher ironisch werden läßt.

    Ein Buch zum Lesen/Verschenken zu jeder Zeit…

    "Éliette" ist übrigens ein ausgesprochen anmerkenswerter Vorname; werde ich im Hinterkopf behalten. 🙂

    bonté

    (*)hintergründig also ein wenig The Duke Spirit
    (**)im Ideal der Fälle!

    • Die Geschichte als Fernglas in den Händen des Lesers – ein wunderbar treffendes Bild, das die Geschichten von Marie-Sabine Roger bestens beschreibt. Man schaut durch die Fenster der Häuser oder von fern über die Leute auf der Straße und beobachtet, ist dabei, ohne wirklich dabei zu sein.

      Auch deine Beschreibung des (sog.) Alters ist sehr passend. Als Kind will man nie erwachsen werden, später nicht 30, 40, 50 … und kaum ist es soweit, hat man den Weg dorthin kaum bemerkt, weil er so schlimm dann doch nicht war.

      Ich bin gespannt, wann mir eine Éliette bei dir begegnen wird. Mir gefällt der Name auch sehr, allerdings verbinde ich ihn jetzt mit einer etwas tüddeligen alten Dame mit Papagei. Bin gespannt, was du daraus machst. 😉

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