Alle Artikel in: fünf Eier

Rezension: Heute beginnt der Rest des Lebens (Marie-Sabine Roger)

Marie-Sabine Roger Heute beginnt der Rest des Lebens Originaltitel: Trente-six chandelles übersetzt von Claudia Kalscheuer Atlantik, 1. Auflage 2015 Hardcover 256 Seiten 978-3-455-60020-9 Sein sechsunddreißigster Geburtstag ist für Mortimer alles andere als ein Grund zum Feiern. Schließlich sind alle männlichen Vorfahren seiner Familie – das hat er akribisch recherchiert – an ihrem sechsunddreißigsten Geburtstag um elf Uhr vormittags verstorben. Seinen Vater, Großvater und Urgroßvater erwischte es jeweils auf ziemlich unschöne Weise und vor allem ziemlich unvorbereitet. Nicht so Mortimer: Er hat pünktlich Job und Mietvertrag gekündigt, sein Auto verkauft und liegt am Vormittag seines Wiegenfestes im eigens dafür besorgten Beerdigungsanzug im Bett, bereit aus dem Leben zu scheiden – und wird wider Erwarten vom Familienfluch verschont. Was jeden anderen aber erleichtert aufatmen lassen würde, stellt Morty vor schwierige Entscheidungen. Denn plötzlich muss der Mann, der nie irgendwelche Ambitionen in Bezug auf Karriere oder zwischenmenschliche Bindungen hatte, anfangen zu leben – und das ist für Mortimer, der sich dem Leben bislang konsequent verweigert hat, gar nicht so leicht. »Alles hätte mich davon überzeugen müssen abzuhauen, zu …

Rezension: Wolfs letzter Tag (Oliver Bantle)

Oliver Bantle Wolfs letzter Tag Tigerbaum Verlag, 1. Auflage 2014 Hardcover 116 Seiten ISBN: 978-3-98151-728-6 Ich danke dem Verlag für die Zusendung des Leseexemplars. Es gibt Bücher, die spannende Geschichten erzählen, die uns über 300 Seiten lang fesseln, berühren und begeistern, die uns in ihre Welten entführen und nicht mehr loslassen wollen, bis wir atemlos die letzte Seite umgeblättert und das letzte Wort gelesen haben. Und dann gibt es jene Bücher, die uns mit sprachlichen Bildern für sich einnehmen statt mit actionreicher Handlung, die uns zu Gedankenreisen einladen, zum Philosophieren und Träumen anregen und uns etwas über das Leben verraten. Ein solches Buch ist »Wolfs letzter Tag« von Oliver Bantle. »Wem das Leben eine Aufgabe stellt, dem schenkt es auch die Kraft, die er dafür benötigt.« Der Autor macht einen Wolf zum Protagonisten des 116 Seiten dünnen Büchleins. Wolf – so auch sein Name – spürt, dass sein letzter Tag gekommen ist. Er verabschiedet sich von seinem Rudel, das er einst als Alphatier führte, um nun ins Moor hinauszuziehen und dort die letzte Ruhe zu …

[REZENSION] Nadine Erdmann: »Mind Ripper«

Nadine Erdmann Mind Ripper 1. Auflage, 2014 E-Book Seiten: 308 Vielen Dank an die Autorin für das Leseexemplar! Ich gebe ja offen zu, dass ich Selfpublishing-Autoren immer erst mal skeptisch gegenüber stehe: Unter den unzähligen selbstverlegten E-Books habe ich bisher nicht viele gefunden, die mich überzeugen konnten, die meisten scheitern schon an den ersten paar Absätzen der Leseprobe, bevor sie überhaupt auf meinen Reader wandern. Dementsprechend erwartete ich auch nicht allzu viel, als mich Nadine Erdmann anschrieb und fragte, ob ich daran interessiert wäre, ihr frisch veröffentlichtes Buch »Mind Ripper« zu lesen. Aber der Klappentext traf genau meinen Geschmack und auch die Leseprobe klang nicht schlecht. Beides erinnerte mich außerdem an Ursula Poznanskis »Erebos«, das ich sehr gern gelesen habe. Also nahm ich das E-Book an. Und ich bin froh, dass ich es getan habe, denn inzwischen kann ich sagen, dass meine Vorurteile in diesem Fall völlig ungerechtfertigt waren: »Mind Ripper« hat mich begeistert – von der ersten bis zur letzten Seite. Welcher Jugendliche träumt nicht davon: sich im Netz mit Leuten treffen, die im …

[REZENSION] Julie Sarkissian: »Liebe Lucy«

Julie Sarkissian Liebe Lucy Originaltitel: Dear Lucy Atlantik 1. Auflage, 2014 Hardcover Seiten: 384 ISBN: 978-3-455-60003-2 Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Leider verhält sich Lucy nicht immer so, wie andere es von ihr erwarten. Deshalb lebt sie nicht bei ihrer Mutter, sondern auf der Farm von Mister und Missus, einem älteren Ehepaar. Hier lebt auch Samantha, ein schwangeres Mädchen und Lucys einzige Freundin. Als Samanthas Baby nach der Geburt verschwindet, verspricht Lucy, es zu finden – und sie wird ihr Versprechen halten, denn ein Versprechen darf man niemals vergessen. Mit ihrem frisch geschlüpften Hühnerküken Jennifer in der Tasche begibt sich Lucy deshalb auf eine abenteuerliche Suche, bei der sie nicht nur Samathas Baby und ihre eigene Mutter findet, sondern auch das schockierende Geheimnis der Farm. Als mir »Liebe Lucy« ins Haus flatterte, war ich sehr gespannt auf das Buch. Der Klappentext hatte mich neugierig gemacht und auch das Cover fand ich in seiner Schlichtheit sehr ansprechend. Was sich hinter der unschuldig-weißen Eierschale versteckt, hat mich dann aber doch ziemlich überrascht. »Wenn es vorher …

[REZENSION] Susan Kreller: »Elefanten sieht man nicht«

Susan Kreller Elefanten sieht man nicht Carlsen 1. Auflage, 2012 E-Book Seiten: 203 ISBN: 978-3-646-92379-7 Seit ihre Mutter starb, verbringt Mascha die Sommerferien bei ihren Großeltern. Normalerweise passiert in Barenburg nie etwas Aufregendes und Mascha beschäftigt sich meistens allein, weil sie nicht dazugehört. Aber in diesem Sommer ist alles anders, denn Mascha lernt Julia und Max kennen. Julia, die sich an die Musik auf Maschas MP3-Player klammert, und Max, der einen unsichtbaren Freund namens Pablo hat. Die Geschwister verbergen etwas Schlimmes, das weiß Mascha sofort. Als sie dann durchs Fenster einen Blick ins Haus der Brandners erhascht, ist ihr klar, dass sie ihnen helfen muss. Bei den Erwachsenen stößt Mascha allerdings auf taube Ohren. Niemand in der kleinen Siedlung will etwas davon wissen. Also kommt Mascha auf eine verhängnisvolle Idee. »Auf einmal kam mir der Gedanke, dass man Menschen beschützen kann.« »Elefanten sieht man nicht« ist eines dieser Bücher, die mir beim Lesen eine Gänsehaut bereiten, die noch lange über die letzte Seite hinaus anhält. Susan Kreller erzählt eine Geschichte, über die man nur den …

[REZENSION] Tobias Elsäßer: »Für niemand«

Tobias Elsäßer Für niemand Sauerländer 1. Auflage, 2011 Taschenbuch Seiten: 165 ISBN: 978-3-7941-7090-6 Vier Jugendliche, vier Leben, jedes mit seinen eigenen Problemen. Sie kennen sich nicht, haben sich noch nie gesehen und trotzdem sind sie miteinander verbunden: Drei von ihnen planen in einem geheimen Chat ihren Tod, der vierte will sie retten. »Für niemand« ist ein Jugendbuch, das sich einem wichtigen Thema widmet: Selbstmord als letzten oder einzig möglichen Ausweg. Dabei behandelt Tobias Elsäßer das schwierige Thema gleich dreimal, denn jeder der drei Protagonisten hat einen anderen Grund, warum er nicht mehr leben möchte. Als Leser wird man darüber allerdings erst nach und nach eingeweiht, während man an der Seite der Protagonisten in kurzen Abschnitten jeweils abwechselnd deren Alltag und die geheimen Chatgespräche miterlebt. Für mich war das einer der Gründe, warum ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen wollte, denn anfangs war mir völlig unverständlich, warum die drei ihr Leben am liebsten beenden wollen, und genauso wie Yoshua, der heimlich die Chatgespräche der drei mitliest, wollte ich mehr erfahren. Der zweite Grund, …

[REZENSION] Joanne Horniman: »Über ein Mädchen«

Joanne Horniman Über ein Mädchen Originaltitel: About a girl Carlsen 1. Auflage, 2013 Hardcover Seiten: 222 ISBN: 978-3-551-58271-3 Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar! Inhalt Anna ist schüchtern und einsam – bis sie Flynn trifft, zuerst mit Gitarre auf der Bühne, dann im Café, dann mit vollen Einkaufstüten auf der Straße. Beide fühlen sich unwiderstehlich zueinander hingezogen. Zusammen zeichnen sie, essen Bananenkuchen, träumen, baden, lachen – und lieben sich. Doch auch zwischen Liebenden gibt es Geheimnisse. Meine Meinung »Über ein Mädchen« ist ein Buch, das in der Buchhandlung zwischen all den leuchtenden Glitzercovern kaum auffallen dürfte. Trotzdem, oder gerade deshalb, ist es wunderschön – nicht nur von außen. »Und überhaupt ist jeder auf seine eigene Art anders.« So wie das Äußere des Buches eher in zurückhaltendem Pastellrosa und Rosendruck daherkommt, setzt auch der Roman selbst auf die leisen Töne. Er erzählt die Geschichte der neunzehnjährigen Ich-Erzählerin Anna, die viele Meilen von Zuhause weggezogen ist, um Abstand zu ihrer Vergangenheit zu gewinnen und ein neues Leben anzufangen. Zurückgezogen und schüchtern lebt und arbeitet sie …

[REZENSION] Martin Page: »Antoine oder die Idiotie«

Martin Page Antoine oder die Idiotie Originaltitel: Comment je suis devenu stupide Wagenbach 4. Auflage, 2009 Taschenbuch Seiten: 135 ISBN: 978-3-8031-2489-0 Inhalt Froh zu sein, bedarf es wenig, sofern man es schafft, vor den Übeln der Welt die Augen zu verschließen. So denkt zumindest Antoine, denn er ist fest davon überzeugt, dass sein fehlendes Glück im Leben nur seiner Intelligenz geschuldet ist.  Und so nimmt er sich vor, aktiv den Verstand zu verlieren. Meine Meinung »Antoine oder die Idiotie« wurde mir vor ein paar Wochen empfohlen und da der Klappentext interessant klang und sich ein bisschen wie Die fabelhafte Welt der Amélie anhörte, lag das Buch kurze Zeit später auf meinem Nachttisch. Und tatsächlich scheint der fünfundzwanzigjährige Antoine ein wenig wie der kleine Bruder von Amélie. Er lebt als ewiger Student in den Tag hinein und streift durch Paris, während um ihn herum lauter kleine Merkwürdigkeiten passieren. So hat Antoine einen besten Freund, der im Dunkeln leuchtet, und eine lesbische Freundin, die Achterbahn fährt, um schwanger zu werden (etwas, das Antoine ziemlich auf den Magen …

[REZENSION] Andreas Steinhöfel: »Rico, Oskar und der Diebstahlstein«

Andreas Steinhöfel Rico, Oskar und der Diebstahlstein Carlsen 3. Auflage, 2011 Hardcover Seiten: 328 ISBN: 978-3-551-55572-4 »Rico, Oskar und der Diebstahlstein« ist das dritte Abenteuer des tiefbegabten Rico und seines ungleichen Freundes Oskar. Nachdem ich vom zweiten Band zwischenzeitlich ein bisschen enttäuscht war, konnte mich dieser wieder mehr begeistern. Inhalt Für Rico ist eigentlich gerade alles gut. Endlich hat er die super Dachwohnung, von der er so lange geträumt hat, und Oskar ist mit seinem Vater in die alte Wohnung der Dorettis gezogen. Der beste Freund im gleichen Haus – da ist doch Spaß garantiert! Oder? Illustration am Kapitelanfangvon Peter Schössow Doch gerade jetzt sieht es gar nicht nach Spaß aus in der Dieffe 93. Denn im Treppenhaus finden Rico und Oskar einen Toten – den alten Fitzke. Sein Herz hat endgültig den Geist aufgegeben und Rico soll seine ganze Steinsammlung erben. So weit, so traurig. Doch ausgerechnet der Kalbstein, an dem Fitzke am meisten hing, wird gestohlen! Rico und Oskar verfolgen die Spur des Diebstahlsteins bis an die Ostsee in den kleinen Urlaubsort Prerow. …

[REZENSION] Maggie Stiefvater: »Rot wie das Meer«

Maggie Stiefvater Rot wie das Meer Originaltitel: The Scorpio Races Script5 1. Auflage, 2012 Hardcover Seiten: 426 ISBN: 978-3-8390-0147-9 Inhalt Jedes Jahr im November wird die Insel Thisby von den Capaill Uisce heimgesucht – wunderschönen Pferden, die direkt der rauen See entsteigen. Doch ihre Schönheit ist trügerisch, denn sie sind gefährliche Raubtiere, die nur der Hunger nach Fleisch an Land treibt. Schnell wie der Seewind und tückisch wie das Meer, ziehen sie die Menschen in ihren Bann. Beim alljährlichen Scorpio-Rennen, bei dem die Teilnehmer auf ihren gefangenen Capaill Uisce gegeneinander antreten, lassen nicht wenige Männer ihr Leben. Jedes Jahr färbt ihr Blut und das ihrer Capaill die Wellen des Meeres rot. Auch Sean Kendrick musste als kleiner Junge mit ansehen, wie sein Vater bei diesem Rennen starb. Trotzdem lebt Sean für das Rennen und für das Pferd, das ihn viermal in Folge zum Sieg galoppierte. Doch dieses Jahr wird das Rennen nicht so sein wie all die Jahre zuvor: Als erste Frau hat sich Kate Connolly, von allen nur Puck genannt, in den Kopf gesetzt, …